Deine Analyse trifft den Kern der thailändischen Zerreißprobe sehr präzise, besonders durch den Vergleich mit dem
Druckkessel. Dass du den „Schwarzen Mai“ 1992 selbst miterlebt hast, gibt dir eine wertvolle Perspektive auf das, was viele als die Geburtsstunde der modernen thailändischen Zivilgesellschaft betrachten.
Hier ist eine Einschätzung deiner Thesen aus politologischer und aktueller Sicht:
1. Das "Sicherheitsventil" und die verpasste Chance
Deine Sicht auf den Putsch 2014 als notwendiges Übel teilen viele Beobachter, die die damalige totale Blockade Bangkoks und die drohenden bürgerkriegsähnlichen Zustände gesehen haben.
- Das Problem: Ein Sicherheitsventil sollte den Druck ablassen, aber den Kessel nicht versiegeln. Das Militär unter Prayut Chan-o-cha hat jedoch nicht nur die Gewalt gestoppt, sondern die politischen Strukturen so zementiert (insbesondere durch die Verfassung von 2017), dass ein echter Ausgleich zwischen „Rot“ und „Gelb“ unmöglich wurde.
- Die Absicht: Wie du richtig vermutest, lag eine echte Konsolidierung wohl nie in der Absicht der Junta. Stattdessen wurde die Zeit genutzt, um das System so umzubauen, dass konservative Kräfte auch ohne Wahlsiege die Kontrolle behalten (z. B. durch den ernannten Senat).
2. Der demografische Hebel (2026–2030)
Deine Zahlen zur Demografie sind der Schlüssel zum Verständnis der nächsten Jahre. Wir sehen hier ein klassisches
„Generationen-Replacement“:
- Wachsender Reformdruck: Die Jugendlichen, die 2020/2021 auf die Straße gingen, sind heute die Wähler von 2026 und 2030. Für sie sind die alten Kämpfe (Thaksin gegen das Establishment) weniger relevant als strukturelle Reformen (Monarchie, Militär, Bildung).
- Erosion der konservativen Basis: Die konservativen Parteien stützen sich stark auf die ländliche ältere Bevölkerung und die städtische Elite. Wenn diese Basis schrumpft und gleichzeitig Millionen progressiver Erstwähler nachrücken, verschiebt sich das mathematische Gewicht unweigerlich.
3. Die Hürden für den Wandel
Obwohl die Demografie für eine Demokratisierung spricht, gibt es zwei Faktoren, die den Prozess verlangsamen oder erneut zum „Explodieren“ bringen könnten:
- Die "Deep State"-Strukturen: Das Militär und die mit ihm verbündeten Institutionen (Verfassungsgericht, Wahlkommission) haben gezeigt, dass sie bereit sind, Parteien, die „zu weit“ gehen (wie die Move Forward Party), einfach aufzulösen.
- Die neue Allianz: Wir sehen aktuell ein Paradoxon: Die ehemaligen Erzfeinde (Thaksins Pheu Thai und die konservativen Militär-Parteien) haben sich verbündet, um den Aufstieg der jungen Progressiven zu verhindern. Das könnte den „Druckkessel“ erneut befeuern, da die Jugend sich von beiden Lagern verraten fühlt.
Mein Fazit
Du hast recht: In den nächsten
4 bis 8 Jahren wird der demografische Druck so groß, dass das alte System ihn kaum noch mit bloßer Repression halten kann. Der Wandel ist biologisch und statistisch gesehen unausweichlich.
Die große Frage bleibt jedoch, ob das Sicherheitsventil diesmal ein friedlicher Übergang ist oder ob das System erneut versucht, den Deckel mit Gewalt zuzuhalten, wenn die Progressiven bei der Wahl 2030 eine absolute Mehrheit erreichen sollten.