Dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen

Staller

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Vorgeschichte

Wie manche vielleicht aus meinem Reisebericht Bali wissen, hatte ich bereits in Bali erhebliche Probleme mit dem Gehen und Treppensteigen, so daß ich meinen Freund etliche der Sehenswürdigkeiten alleine besichtigen ließ, während ich in der Nähe auf einer Bank warten mußte, da die Schmerzen zu groß waren.

Es war eine bei mir häufiger auftretende Schleimbeutelentzündung, der ich auch nicht gerade eine besondere Bedeutung zugemessen habe.

Nach meine Rückkehr nach Dubai wurden die Schmerzen jedoch auch bei entsprechendem Schonen nicht gerade besser, was mir langsam dann doch etwas Sorgen bereitete.

Unabhängig davon bestand meine Familie und meine Freunde darauf, daß ich im Juni nach Deutschland komme, da im Juni mein Geburtstag ist und sie den unbedingt feiern wollten, da es sich auch noch um einen „runden“ handelte. Na, ich bin kein so großer Freund von Geburtstagen, besonders in meinem Alter: Wenn wenn 10 Jahre alt wird oder 12, da ist so ein Geburtstag noch irgendwie ein Erlebnis, man wird langsam älter und erwachsen(er), aber in meinem Alter erinnert ein Geburtstag doch eher an das näher rückende Grab und ist nicht unbedingt eine Gelegenheit zum Feiern. Aber was soll’s, man soll es sich ja mit Familie und Freunden auch nicht unbedingt verderben, außerdem bin ich im Juni durchaus ganz gerne in Deutschland, weil ich finde, daß das der schönste Monat in Deutschland ist….

Die Schmerzen wurden allerdings nicht besser, eher im Gegenteil. Ich konnte kaum mehr schlafen, da beim Liegen – egal auf welcher Seite – die Hüftgegend maßlos geschmerzt hat.

Also ab zum Orthopäden. Der hat auch ein MRT gemacht und mir mitgeteilt, daß die Schleimbeutel massiv entzündet sind. Na, das hätte ich ihm auch vorher schon sagen können!

Er hat mir dann im Abstand von ein paar Tagen Spritzen gesetzt (was sich im Nachhinein als großer Fehler herausgestellt hat) und Medikamente verschrieben. Die Schmerzen wurden nur unwesentlich besser, aber ich habe mir gedacht, naja, Medikamente müssen ja auch erst mal wirken, sind ja keine Zaubersprüche oder Hexenwerk….

Wäre ich mal lieber in Dubai geblieben und gleich ins Saudi-German Hospital gegangen….aber hinterher ist man immer schlauer.


Der Urknall

Nach ca einer Woche spürte ich in der Leistengegend plötzlich so eine Art „Pflopp“ und ab diesem Moment konnte ich keinen Schritt mehr gehen. Ich stand drei oder vier Meter von meinem Bett entfernt und habe mindestens eine dreiviertel Stunde gebraucht um es szu erreichen, da ich das eine Bein nur halbmillimeterweise bewegen konnte.

Natürlich war es gerade Wochenende, was in Deutschland ja auch immer etwas schwierig ist…

Da die Schmerzen zwischenzeitlich doch unerträglich waren, habe ich meine Nachbarin/Untermieterin angerufen und gebeten zu kommen. Außerdem hatte ich Schüttelfrost und Fieber. Die hat dann sofort den Notarzt gerufen, der allerdings eine Thrombose diagnostiziert hat (auch eine Fehldiagnose) und den Krankentransport gerufen.

Da bei einer Thrombose der Patient ja nicht bewegt werden darf, hatte wir ein weiteres Problem: Die Tür zu meinem Schlafzimmer ist nicht nach DIN Norm, sondern deutlich enger, die Trage der Sanitäter paßte so nicht hindurch und selbst wenn, wäre da noch eine enge Wendeltreppe, über die sie mich sowieso nicht herunter gebracht hätten.

Die Sanitäter riefen also die Feuerwehr an, die mich dann mit der Hebebühne aus dem Schlafzimmerfenster herausgeholt haben. Das Schauspiel für die halbe Ortschaft, die Hauptstraße mußte gesperrt werden, da das Feuerwehrauto quer über die Straße stand und ich hatte eine Art Freiticket für Achterbahn in luftiger Höhe. Allerdings inzwischen so stark mit Schmerzmitteln zugedröhnt, daß ich alles nur noch teilweise mitbekommen habe und sogar ganz interessant fand, da mit der Hebebühne durch luftige Höhen geschaukelt zu werden.

Dann ging’s ab mit Blaulicht und Sirene ins Kreiskrankenhaus.

Mein Bein war zwischenzeitlich drei mal so breit wie normal, für die Sanitäter ein Anlaß zu großer Sorge, ich war so mit Schmerzmitteln abgefüllt, daß ich das nur interessant, oder fast schon witzig fand….

Im Krankenhaus mußte nun erst einmal die (Fehl-)Diagnose der Thrombose abgeklärt werden. Mit einem Ultraschallgerät wurden die Venen im Bein untersucht. Da der Arzt aber mit seinem Ultraschallgerät bis auf die Adern vordringen mußte, mußte er durch die (wie es sich später herausstellte dicken Eiterschichten) durchdringen. Hier halfen alle Morphine und Opiate nichts mehr und ich habe gebrüllt wie ein angestochener Wasserbüffel.

Glücklicherweise dauerte die Untersuchung nicht allzu lange und er konnte dann immerhin zufrieden eine Thrombose ausschließen.

Jetzt wird’s ernst

Also wieder Weitertransport in Richtung Operationssaal. Allerdings wurde ich an den OP Sälen vorbeigeschoben zu einem OP Saal, der groß mit Leuchtschrift „Triage“ gekennzeichnet war. Oha! Dachte ich mir, Triage, das ist ja wenig beruhigend. Auch der OP Saal der Triage machte irgendwie einen etwas provisorischen Eindruck, meine Sehnsucht nach dem Saudi-German Hospital wuchs….

Es wurde wohl noch alles mögliche Equipment herbeigeschafft, irgendwer sagte immerzu: „Los! Los! Jetzt macht mal zu!“….dann war ich weg.

Im Aufwachraum wurde die Situation dann weit weniger angenehm: Ich hatte zwar noch massiv Schmerzmittel intus, aber die Wirkung der herrlichen Drogen der Sanitäter, die mich alles interessant und teilweise gar lustig sehen ließen, hatte definitiv nachgelassen und ich empfand mich mehr oder weniger als ein Häuflein Elend.

Im weiteren Verlauf des Abends kam dann noch der Operateur mit einer OP Schwester vorbei und eröffnete mir, daß er gar nicht alles ausräumen konnte („Soviel Eiter auf einem Fleck habe ich noch nie gesehen“), daß er jetzt erst einmal eine Notoperation gemacht habe um überhaupt mein Weiterleben sicherzustellen und in zwei Tagen oder so noch einmal operieren muß um die Angelegenheit „zu beenden“. Habe ich nicht so ganz verstanden: Wenn man schon den Putzlappen in der Hand hat, putzt man doch gleich das ganze Zimmer, nicht nur die Hälfte, aber ich war für eine Diskussion definitiv zu schwach und habe das eben so stehen lassen.

Bewegen konnte ich mich eh nicht und habe so halt die zwei Tage bis zur nächsten OP in lähmender Langeweile gepaart mit etlichen Schmerzen verbracht.

Dann erklärte man mir, daß jetzt eine Art „Schwamm“ eingesetzt würde, der den Restlichen Eiter aufsaugt und ableitet. …..Ok, meinetwegen, macht was ihr wollt, nur macht!

Also ab zur OP Nummer zwei. Nach dieser OP wachte ich auf mit einem Schlauch aus meinem Bein, der in eine Art kleinen Handkoffer mündete. Der lief offenbar mit einem Akku und summte so alle 5 Minuten einmal und es kam etwas an Eiter und sonstigem Unanppetitlichem Heraus. Wenigstens konnte ich mit Hilfe der Krankenschwestern schon wieder auf die Toilette gehen, wobei die natürlich immer mitgehen mußten, zu einen, um mich zu stützen und zum anderen um mein Handköfferchen mitzutragen.

Nach weiteren drei Tagen sollte nun dieses Handköfferchen entfernt werden und die Anschlußstellen vernäht werden. Also die dritte OP!

Im Aufwachraum fand ich dann tatsächlich das Handköfferchen nicht mehr vor, dafür drei Unterdruckflaschen, die an mein Bein angeschlossen waren! Was soll das denn jetzt schon wieder?

Der Operateur erklärte mir, er wollte eigentlich nur das „Handköfferchen entfernen und zunähen, habe dann aber hinter dem Oberschenkelknochen weitere Eiternester gefunden, die er auch noch ausräumen und spülen mußte, daher jetzt diese Unterdruckflaschen, die per Unterdruck die Reste von Eiter und Wundflüssigkeit absaugen.

Also weitere Tage des Wartens….

Wieder drei Tage später hieß es, jetzt könne man langsam an Entlassung denken, wenn ich zu Hause versorgt würde. Man müsse nur noch einmal zur Sicherheit ein MRT machen…..ok, meinetwegen.

Nach dem MRT kam eine Ärztin und meinte: „Sorry, ich habe leider keine guten Nachrichten, wir haben weitere Eiterstellen gefunden, wir müssen nochmal operieren“ Zwischenzeitlich war ich dann doch etwas aufgebracht und meinte warum man das denn nicht bei den vergangenen Operationen gesehen habe. Sie erklärte mir lang und breit etwas von Muskeln und Muskelhöhlen, die wie ein Fuchsbau aufgebaut seien und man deshalb nicht alles immer gleich sehen kann. Nun, ich habe ja einerseits nicht das medizinische Vorwissen um das zu diskutieren und andererseits muß der Dreck halt einfach raus, was hilft’s!

Also die vierte (!!!!) Operation in nicht mal ganz zwei Wochen! Nach der Operation fand ich weitere vier Unterdruckflaschen an meinem Bein vor, allerdings diesmal an anderer Stelle. Es war zum Verzweifeln…..

Allerdings ging es dann doch eher schnell dem Ende entgegen, nach drei Tagen wurden die ersten zwei Flaschen entfernt, nach weiteren zwei Tagen die anderen beiden und zwei Tage später konte ich ENDLICH (!!!) entlassen werden.

Fazit

Zunächst einmal war ich richtig freudig überrascht, daß mich meine Verwandten, Freunde und Nachbarn regelmäßig besucht haben (hätte ich denen gar nicht zugetraut). Teilweise ist der eine gegangen und der andere gekommen. In den ersten Tagen war mir das auch deutlich zuviel, da ich doch sehr geschwächt war, im weiteren Verlauf war ich aber wirklich dankbar dafür, da es ja nur noch ein elendigliches langweiliges Warten war.

Ich glaube, ich bin halt doch ein ganz Netter?

Obwohl man mir ja auch schon mal spaßeshalber den Vorwurf gemacht hat, ich läge nur im Krankenhaus, um mich vor meiner Geburtstagsparty zu drücken.

Trotz meiner Schmerzen hatte ich da jedoch genügend Schlagfertigkeit um zu kontern: „Aber Ihr müßt zugeben, eine recht kreative Art, oder?“

Dann war da noch die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte: Endgültig konnte die Frage zwar nicht beantwortet werden, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch recht groß, daß mit der Spritze des Orthopäden in die hochentzündeten Schleimbeutel ein Keim hineingekommen ist. Nachdem dort (Aussage der Ärzte) alles „nur noch Matsch“ war, hat der Keim sich dort wohl ziemlich wohlgefühlt und sich gesagt: Hier siedele ich mich an zusammen mit meinen 72 Jungfrauen und vermehre mich grenzenlos. Der Körper hat den Eiter dann in Abszessen abgekapselt, von denen einer (vermutlich der größte) dann am Abend des „Urknalls“ eben aufgeplatzt ist und das Schicksal seinen Lauf nahm.

Wie geht es weiter?

Erst einmal muß ich wieder richtig Laufen lernen. Gehe zwar schon wieder fast normal, bin aber noch nach selbst kurzen Strecken völlig erschöpft. Na, wird schon werden. Treppensteigen geht noch etwas schwer und das operierte Bein kann ich noch nicht völlig abknicken.

Wichtig ist, daß ich soweit wiederhergestellt bin, daß ich endlich wieder nach Hause kann. Meinen Flug habe ich verschoben, hoffe aber in ca zwei Wochen endlich fliegen zu können.

Und dann? Naja, das ganze war schon wirklich ein existenzielles Grenzerlebnis. Zwar war mir auch vor dieser Sache schon klar, daß ich wahrscheinlich ähnlich wie andere Menschen auch, nicht unbedingt auf dieser Erde unsterblich bin. Allerdings hat mir das Erlebte das noch einmal in voller Wucht vor Augen geführt.

Und ich werde auf jeden Fall versuchen, in der verbleibenden Zeit noch einiges an Schönem zu erleben und – wenn es wieder geht – dann auch so richtig die Sau rauszulassen….was heißt da Sau?….eine ganze Schweineherde!

…..Und vielleicht auch das TAF gelegentlich daran teilhaben zu lassen. Mal sehen!

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Und ich werde auf jeden Fall versuchen, in der verbleibenden Zeit noch einiges an Schönem zu erleben und – wenn es wieder geht – dann auch so richtig die Sau rauszulassen….was heißt da Sau?….eine ganze Schweineherde!
Oh mein Gott, ich habe Hühnerhaut ob deiner Geschichte!
Soll kein Trost sein, aber ich hab auch gerade etwas ähnliches hinter mir. Monaten grässliche Schultern und andere Gliederschmerzen, falsche Medi, Notfall-Spital, am Schluss war es eine vererbte "Polymyalgia¨. Ich wollte schon mein "Sack" abgeben.
Aber, auch meine "Schweineherde" läuft auch gerade wieder in die Freiheit des Alterns ...
Was kommt als nächstes? Wünsche Dir von Herzen gute Besserung und bald wieder, Gewehr länger als der Sack ... Gruß Max :shot:
 
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Ich hatte Dich tatsächlich schon vermisst, dachte aber, Du gönnst Dir nur eine wohlverdiente Auszeit…
Bin froh, dass Du alles überstanden hast ☘️
 
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Ich hatte Dich tatsächlich schon vermisst, dachte aber, Du gönnst Dir nur eine wohlverdiente Auszeit…
Bin froh, dass Du alles überstanden hast ☘️
Danke dir! Irgendwie tröstlich, wenn man vermisst wird....😇
 
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Gute Besserung! Ich wünsche dir eine schnelle Genesung und hoffe, dass du bald wieder gesund bist. Alles Gute!
 
erst mal gute Besserung und hoffentlich noch viel Zeit das zu tun was du wirklich möchtest
 
Hallo @Staller , auch von mir weiterhin gute Besserung. Wahrscheinlich wäre es dir im Saudi-Germam-Hospital besser ergangen. Ist aber nur eine Vermutung, also von einem unwissenden.
Jedenfalls hast du deinen Humor, durch diese unangenehme Geschichte, nicht verloren.
Halte uns bitte auf dem Laufenden.
Liebe Grüße aus Sakon Nakhon,
Ottmar
 
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