Teil 12. Aranaa im Land der Farangs(1).
Ich stelle mein Fahrzeug am Parkplatz vor der Ankunftshalle des Flughafens ab und gehe hinein. Ich war verkehrsbedingt etwas spät dran, aber es dauert erfahrungsgemäß ohnehin immer etwas, bis die Passkontrollen und die Gepäckausgabe vorbei sind.
Kurzer Kontrollblick auf die große Anzeigentafel... und ich stutzte. Oje. Normalerweise haben Flüge Verspätungen. Dieser aber nicht. Dieser war um mehr als eine halbe Stunde zu früh(!!) gelandet. Ich stellte mich dorthin, wo die Reisenden herauskommen und wartete. Ob sie noch drinnen war? Ich wusste, dass die Ankunft ein kritischer Moment ist. Ihr Thai-Wertkartenhandy wird hier nicht funktionieren, wir konnten uns nicht zusammenrufen. Ich wartete und wurde etwas nervös. Vielleicht hat etwas bei der Passkontrolle mit dem Visum nicht geklappt? Oder gab es ein Problem in Bangkok und sie ist gar nicht weg geflogen? Nein, dann hätte sie sicher schon angerufen.
Ich drehte mich um und dann... den Anblick habe ich bis heute nicht vergessen: weit hinten in der riesigen Halle schob eine kleine, zierliche und verloren wirkende Gestalt, bekleidet mit einer viel zu großen Art von Mantel, ihre Koffer auf einem Gepäckwagen vor sich her. Ich ging auf sie zu und als sie mich entdeckte wurde ihr etwas verzweifelte Gesichtsausdruck zu einem Strahlen. Gefunden!
Da die Formalitäten nach der Ankunft rasch funktioniert hatten, war sie schnell fertig, hat mich gesucht, ist überall am Flughafen herum gefahren und war verängstigt weil sie mich nirgendwo entdecken konnte. Aber Ende gut, alles gut.
Ab ins Auto und los. Während der Fahrt blickte sie interessiert auf die Landschaft, die Wälder und Felder... "same like Khao Yai" verglich sie die Landschaft mit dem thailändischen Nationalpark, den wir zusammen bei meinem ersten Urlaub besuchten. Zuhause angekommen zeigte ich ihr, wo sie ihre Sachen unterbringen konnte, wir feierten die Zweisamkeit und fielen danach in einem tiefen Schlaf.
Am nächsten Tag (zunächst wurde die auf 2 Monate begrenzte Zweisamkeit nochmals intensiv gefeiert) begann Aranaa die Umgebung zu erkunden. Zuerst die Wohnung. Kommentar: "Darling, not clean". Ok, das war eine Junggesellenwohnung und für meine Begriffe war sie sauber. Ach. Egal.
Wir gingen in einem Supermarkt einkaufen und sie betrachtete mit großem Interesse das hier angebotene Gemüse- und Obstsortiment. Als sie die Preise in Bath umrechnete, war sie entsetzt "ohhh... very expensive". Das Essen war für sie anfangs kein Problem, hatte sie doch eine ganze Reisetasche voll Lebensmittel aus Thailand mitgebracht. Später fuhren wir zum Einkaufen zu einem Asia-Markt mit originalen Thai-Lebensmittel, was erneut Entsetzen über die Preise hier auslöste… hatte sie doch einen direkten Vergleich.
Das Kennenlernen mit meiner Familie verlief ruhig und freundlich. Mit meiner bald 80-jährigen Mutter verstand sie sich sehr gut ... was umso erstaunlicher war, da meine Mutter kein Wort Englisch und Aranaa kein Wort Deutsch spricht. Aber irgendwie funktionierte die Kommunikation und in komplizierteren Fällen sprang ich als Übersetzer ein. Und meinen Kindern, die anfangs Aranaa gegenüber ihr bestes Schulenglisch auspackten, machte ich klar, dass sie ihr Sprachniveau gleich mal um einige Level senken sollen. Einfaches Stichwort-Englisch war angesagt.
Aranaa entwickelte rasch Begeisterung für Österreich... das kühlere Klima, es hatte um die 20 Grad, empfand sie im Vergleich zu der Hitze in Thailand als sehr angenehm (ich verzichtete darauf, auf den Winter hinzuweisen), die Straßen waren alle sauber, die Autos blieben vor den Zebrastreifen verlässlich stehen, es wurde nicht gehupt und es gab nur Supermärkte, aber keine riesigen Freiluftmärkte. Beim Einsteigen ins Auto ging sie regelmäßig zuerst zur falschen Tür (Stichwort Linksverkehr in Thailand) und lief danach mit lautem Gelächter auf die andere Seite des Autos ("so stupid"). Ihr ist auch aufgefallen, dass es in Österreich keine streunende Hunde gibt („Very good, care for dog“)
Am dritten Tag fuhr ich mit Aranaa in eine etwas ländliche Umgebung um der Veranstaltung eines Freundes beizuwohnen. Am Zielort, einem alten Bauernhof angekommen, parkte ich auf einer Wiese ein und wollte zum Haus gehen. Da hörte ich Schreie der Entzückung von ihr und sie deutete auf die Wiese.
??? Da war nichts auf der Wiese.
Doch. Da war was. Dort stand ein ganz gewöhnlicher Apfelbaum mit reifen Früchten. Sie lief hin und nahm einen der Äpfel in die Hand "Darling, Foto for familiy". Später verstand ich. Es gibt in Thailand zwar Äpfel zu kaufen, aber dort wachsen sie nicht. Ihr ist es gerade ebenso gegangen wie mir, als ich in Thailand meine erste Bananenstaude entdeckte und gleich vor Begeisterung ein Foto davon machte.
Die Tage vergingen wie im Fluge. Während der Woche war sie alleine in der Wohnung und wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, bewies sie mir Tag für Tag, dass meine Wohnung vorher doch nicht sauber war. Meine vor sich hin siechenden Blumen erwachten zu neuem Leben und das Fensterbrett wurde durch neu gekaufte Orchideen verschönert. Sie war eine gute Köchin und ich wurde täglich mit einem guten Thai-Essen sowie einer nachfolgenden Massage verwöhnt, die gelegentlich auch ein Happy End hatte. Heimweh schien sie nicht zu haben. Sie telefonierte gelegentlich mit ihrer Familie und ihren Kindern, aber meist musste ich sie fragen ob sie anrufen will.
Wir fuhren an meinen freien Tagen in Österreich herum... die Innenstadt von Wien, Schloß Schönbrunn mit Tiergarten, wir besuchten Freunde in Wien und im Waldviertel. Einen Besuch bei Mike und Ning, die ungefähr eine Autostunde von mir entfernt wohnen, ließ ich sicherheitshalber aus.
Wir fuhren auch in die Berge, was sich als ein echter Volltreffer herausstellen sollte... inklusive einer kleinen Nervenprobe für mich :)
Teil 13 folgt.