Thailand Ein Alien auf den Philippines

flux

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Prolog oder auch nicht


Es gäbe so viel zu erzählen über die Vorgeschichte dieser Reise. Die Umstände und mein Zustand zum Zeitpunkt der Abreise, meine Motive und geplante Vorhaben, die Gründe für die Philippinen, meine bisherigen Erfahrungen oder auch ganz einfach über mich, damit auch jeder erfährt, wer sich denn nun für zwei Wochen in einen "Alien auf den Philippines" verwandelt. Warum Philippinen? Was erwarte oder erhoffe ich? Was kenne ich, was weiß ich oder was glaube ich bereits zu wissen? Es sind zu viele Gedanken, Erfahrungen und Hintergr
ünde, auf denen diese Reise ruht, als dass ich sie in einem Vorwort festhalten könnte. Nein, die Einleitung darf nicht länger werden, als der eigentliche Bericht. Der Prolog fällt also aus. Was mir am Entfallenen wichtig scheint, werde ich versuchen, an passender Stelle in das nun folgende und aus dem Gedächtnis geschriebene Tagebuch ein zu flechten. Ganz kurz und knapp zum Anfang nur soviel: Ein 39-jähriger, eingefleischter Single steht mal wieder vor der Frage, wie der nächste Urlaub alleine denn am besten zu verbringen sei. Alle bisher erlebten Varianten mögen ihm nicht so recht behagen. Also fasst er einen bedeutenden Entschluss: "Nun gut, dann werde ich halt Sextourist." Und schon geht's los.


Freitag, 9. November 2012

Meine Erinnerung setzt wieder ein, als ich hektisch ein paar T-Shirts und sonstige Klamotten in meinem Koffer verstaue. Es ist halb acht Uhr morgens. Den mit zeitlicher Sicherheitsreserve eingeplanten Zug nach Frankfurt werde ich nicht mehr erreichen. Nun gut, dann halt den nächsten. Der Vorsichtspuffer schon am Anfang futsch. Wenn das mal gut geht.

Ja ja, einen veritablen Filmriss habe ich mir am Abend davor eingehandelt. Als ich der Überzeugung war, den Anfang meines Urlaubs mit einigen Bekannten in der Stammkeipe ausgiebig begiessen zu müssen. Es gab aber auch Grund. Waren die letzten Wochen nicht unwirklich stressig auf der Arbeit? Es kommt mir wie eine wiederholte Verschwörung vor, dass jedesmal just in dem Moment, in dem sich ein alsbaldig geplanter Urlaub meinerseits im Büro herum spricht, ein jeder und eine jede meint, die letzten Tage meiner Anwesenheit mit an Menschenrechtsverletzung grenzender Ausbeutung meiner Arbeitskraft und Gutmütigkeit nutzen zu müssen.

Und dann die ganzen Arztbesuche samt merkwürdiger Untersuchungen. Nach Tübingen auch noch. Wer dort hingeschickt wird, gehört eigentlich zu den Todgeweihten. Dabei fühle ich mich gar nicht krank. Sie stört mich auch nicht wirklich, mal abgesehen davon, dass sie Scheisse aus sieht. Aber alle konsultierten Ärzte haben zwei Dinge gemeinsam. Sie sind der Ansicht, dass ich sie nicht haben dürfe, diese nekrotische Wunde am linken Fussrücken. Und dass sie keinen blassen Schimmer haben, woher das Ding kommt, geschweige denn, wie man es wegkriegt. Nun gut, die pharmazeutische Branche bietet reichlich Abwechslung. Versuchen wir mal Kortison. Und am besten nicht mehr Rauchen, so der professorale Rat aus Tübingen.

Zeitweise habe ich mit dem Gedanken gespielt, die Reise zu canceln. Dann aber immer wieder rechtzeitig auf stur geschaltet. Nein, nach so langer mentaler, emotionaler und vor allem recherchierender Vorbereitung auf die Philippines lass ich mir das nicht mehr nehmen. Und deshalb stehe ich nun hier unausgeschlafen, verkatert und mit reichlich Restalkohol im Blut vor meinen Siebensachen und sinniere krampfhaft darüber, ob denn nun alle elementaren Bestandteile meines Reiseequipments mit an Bord sind. Schluss damit. Reisepass, Kreditkarte, Cash als Reserve und Smartphone für die Online-Welt, alles am Mann. Der Rest ist unwichtig.

Die Fahrt mit der Stadtbahn zum Bahnhof erheitert mich. Gut gefüllt mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ich mittendrin. Halb besoffen und auf dem Weg nach Manila. Drei Tage wollte ich dann dort bleiben. Im bereits via Agoda gebuchten 'Lotus Garden Hotel' im Stadtteil Ermita residieren. Manila Bay Cafe, Amazonia, G-Point, ich habe mich im Vorfeld bereits so vertieft mit den kulturellen Highlights dort beschäftigt, dass ich diese Orte nach meiner Ankunft wahrscheinlich blind gefunden hätte. Nach den drei Tagen oder besser Nächten wollte ich weiter sehen. Für alles offen sein. Ideen hatte ich reichlich. Und die Freiheit der Entscheidung. Erst in der zweiten Woche war das ebenfalls bei Agoda für fünf Tage gebuchte Hotel auf Boracay ein nächster Fixpunkt. Zimmer mit Balkon und Meerblick. Direkt am White Beach. Die Schadenfreude in der Stadtbahn weicht der Vorfreude. Bleibt nur noch ein Hindernis. Rechtzeitig in Frankfurt sein.

Die Bahn lässt mich nicht im Stich. Der schon als verpasst kategorisierte ICE nach Frankfurt hat genügend Verspätung, so dass ich ihn trotz meines eigenen, performancebedingten Verzugs doch noch erreiche. Auch eine Form von Verlässlichkeit. Unterwegs wird es nochmal brenzlig. Wegen Störungen am Signalsystem schleicht unser Gefährt. Das Schneckentempo auf die restliche Strecke bis zum Flughafen Frankfurt hochgerechnet, kann ich dem Flieger mit meinem 800 Euro teuren Ticket nur noch hinterher winken. Gerade rechtzeitig nimmt unser Zug wieder Fahrt auf.

Mit ausreichender Pünklichkeit erreiche ich den Schalter von Malaysia Airlines, um meine Bordkarten sowohl für den um 12 Uhr mittags startenden, 12-stündigen Flug nach Kuala Lumpur, als auch für den nach knapp vier Stunden Wartezeit ab 10:15 Uhr Ortszeit weitere vier Stunden nach Manila schwebenden Vogel abzuholen und obendrein mein Köfferchen den Transportverantwortlichen anzuvertrauen. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass für meinen Aufenthalt an Bord jeweils tatsächlich die beim Online-Checkin reservierten Gangplätze vorgesehen sind. Ich will immer nur Gangplätze. Will aufstehen können, wann ich will und ohne jemand fragen zu müssen. Auch wenn ich es dann gar nicht tue. Aber frei sein in der Entscheidung. Das ist mir wichtig. Vielleicht auch deshalb Single.

Letzte Zigarette. Dann längere Pause. Soll ja eh aufhören. Ein Anfang? Die letzten Schritte auf der Fluggastbrücke, die geöffnete Tür der Boeing 777 im Blick, beschleichen mich leise Zweifel. Warum tue ich mir das an? Zwölf Stunden am Stück in eine Sardinenbüchse gequetscht. Nun denn, muss ich nun durch. Der mässig gepflegt wirkende Innenraum dieses Fliegers würde nun bis auf weiteres meine neue Heimat sein. Herzlich willkommen. Boarding completed.



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Eingang zur Sardinenbüchse, meiner neuen Heimat



PS.: Ich schreibe diesen Bericht mit dem schlechten Gewissen eines bislang Nur-Lesers, der es noch nicht mal für nötig befunden hat, den Autoren der vielen bisher schon veröffentlichten Berichte durch einen Kommentar eine gewisse Anerkennung zukommen zu lassen. Da mir diese Berichte sehr häufig aber bei der Vorbereitung meiner Reise geholfen habe, verbinde ich den an dieser Stelle gesammelten Dank an die Autoren mit der Bitte um Entschuldigung für mein flegelhaftes Verhalten, gewissermaßen als "Alien im Forum", und gelobe Besserung.
 
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Samstag, 10. November 2012 - Teil 1


Was ich mir zu Beginn des Fluges MH 5, als ich noch im 5-Minuten Rhythmus auf dem Monitor nach der Restflugdauer gefahndet habe, nicht vorstellen konnte, ist wahr geworden. Ankunft in Kuala Lumpur, kurz nach 6 Uhr morgens. Meine Nase war schneller. Bereits kurz nach dem Start strömte aus der Galley so ein typischer Duft. Eindeutig Asien. Die Nase war schon angekommen. Überhaupt sind Geruchserlebnisse in Asien mit die Prägnantesten. Wenn ich einmal die Orientierung verlieren sollte und nicht mal mehr wüsste auf welchem Kontinent ich bin, Asien würde ich am Geruch erkennen. Das ist seit meiner ersten Asienreise vor zweieinhalb Jahren so.

Damals ging es mit einer großen Gruppe von Freunden und Bekannten, alle ganz unverdächtig und anständig, nach China. Auf dieser Reise bin ich auch, eher zufällig, zum ersten Mal mit den zweibeinigen Verführungen des Kontinents in Berührung gekommen. Das war in einer dieser typischen Expat-Bars von Shanghai. Fast nur Langnasen und ansonsten viele freundliche Chinesinnen, die anders als die meisten ihrer Landsleute einigermaßen verständlich Englisch sprachen. "I can make you happy" ging jedenfalls. Das zum Ausgleich dafür Ersatz für ihre reichlich ramponierten High-Heels her musste, konnte mir meine Zufallsbekanntschaft auch klar machen. Und auch, das Cash praktikabler sei, als ein Date am nächsten Tag zur gemeinsamen Shoppingtour. Spätestens seit diesem Abend habe ich die Faszination, die so viele schon so lange für Asien empfinden, nachvollziehen können. Bis dato hatte mich diese Ecke des Planeten nicht die Bohne interessiert. Tempi passati!

Zurück an Bord. Natürlich gönne ich auch meinen Augen einen kleinen Vorgeschmack auf den Urlaub. Das Bordpersonal kann sich fast ausnahmslos blicken lassen. Eine bunte Mischung, Malaysia eben. Kurz überlege ich, ob die malaiische Wahlmonarchie nicht auch eine lohnende Destination sein könnte, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder. Meine volle Konzentration gilt den philippinischen Inseln.

Etwas fehl am Platz wirkt für meine Augen nur der Chef der Cabin Crew. Ein etwas übergewichtiger Endvierziger mit eindeutig indischer Abstammung. Auf seiner Uniform prangt der herrlich indische Name "Albert". Wie ich den übergewichtigen, indischen Albert als Chef der Truppe identifiziert habe? Nun ja, ich habe ihn nicht ein einziges Mal bei produktiver Tätigkeit sehen können. Dafür um so häufiger schlafend. Aber penibel war unser Albert. Kurz vor dem Frühstücksservice angelt er sich ein frisches Hemd aus einem Staufach neben der Bordtoilette. Hemdwechsel war angesagt. Das Alte hatte er schon vorher entsorgt. So erblicken meine müden Augen im Halbschlaf den übergewichtigen, indischen Albert im Unterhemd. Ach Albert, musste das sein?

Verglichen mit der zwölfstündigen Weltreise von Frankfurt nach Kuala Lumpur einmal um den halben Globus herum ist der vierstündige Weiterflug nach Manila natürlich ein Katzensprung. Den ebenfalls vierstündigen Aufenthalt habe ich durch ausgedehnte Spaziergänge verbummelt. Den Flughafen von Kuala Lumpur kenne ich jetzt so gut wie meine Westentasche. Anders als dieser empfiehlt sich Manilas Airport nicht für längere Verweildauer. Alles wirkt ein bisschen eng und in die Jahre gekommen, zumindest Terminal 1, Start und Ziel aller internationalen Flüge. Zum Glück verlaufen Immigration, Gepäckausgabe und Zoll alle reibungsfrei. Kurz noch 50 Euro aus meinen Bargeldreserven gewechselt, der Kurs ist miserabel, und schon kann ich ins Freie treten.

Der Ansturm von Taxifahrern und sonstigen Schleppern hält sich in Grenzen. Vielleicht weil es mir mit aufgesetzter Mimik und Körpersprache gelingt, den Eindruck zu erwecken, als ginge ich beinahe täglich am "Ninoy Aquino International" ein und aus. Jedenfalls steuere ich ziemlich zielstrebig ein lauschiges Plätzchen auf der gegenüber liegenden Straßenseite an, an dem ich für zwei Zigarettenlängen verweile. Blauer Himmel, strahlende Sonne, tropische Wärme. Ich bin da.


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Lauschiges
Plätzchen vor dem Ausgang von Terminal 1
 
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Samstag, 10. November 2012 - Teil 2

Am Flughafen entscheide ich mich
r ein akkreditiertes Taxiunternehmen mit Festpreis, der allerdings mit 520 PHP eigentlich viel zu hoch ist, jedenfalls wenn das Fahrtziel in Ermita liegt. Der Vorteil liegt nur darin, dass es keine Warteschlange gibt, und ausserdem keine Diskussionen um den Preis, was dem Vernehmen nach für philippinische Taxifahrer nicht immer gilt. Meine Asien-Skills was Preisverhandlungen und "Scam-Abwehr" betrifft, muss ich ja nicht unbedingt gleich in den ersten Minuten auf den Philippinen beweisen.

Das Festpreistaxi ist einfach zu finden. Wer das Schild nicht sieht, geht einfach in Richtung einer Horde winkender Filipinos, deren wildes Gestikulieren orientierungslosen Neuankömmlingen den Weg weisen soll. Ein freundlicher Mitarbeiter des Taxiunternehmens erklärt mir den Preis und dem Taxifahrer mein Fahrtziel. Ich bekomme noch einen Zettel in die Hand gedrückt, dessen Sinn ich nicht verstehe, und dann kann die Fahrt losgehen. Allerdings werde ich erst noch nach "Tip for the Boys" gefragt. Gemeint sind die winkenden Wegweiser.

Dass ich direkt nach meiner Ankunft Kleingeld, in diesem Fall kleine Scheine, brauchen würde, war mir klar. Das ist auch der Grund, warum ich zunächst mal 50 Euro trotz miserablem Wechselkurs getauscht habe, statt mir einfach Geld am ATM zu ziehen. Auf diese Weise gelange ich zu drei Zwanzigern. Die winkenden Boys hatte ich nicht auf der Rechnung, die Floskel "Sorry, no change" noch nicht parat, deshalb ist einer davon jetzt weg und ich ernte als Dank ein "Merry Christmas". Alter, wir haben Anfang November.

Manila ist berüchtigt für sein Verkehrschaos. Mich schockt es nicht, Shanghai ist nach meinem Eindruck nicht viel besser. Das Verhalten der Verkehrsteilnehmer ist auch in Manila der Beweis, dass Autofahrer keine Schwarmintelligenz besitzen. Dennoch geht die Fahrt zum Hotel ohne größere Staus verhältnismäßig zügig vorüber. Die Jungfernfahrt in einem fremden Land ist immer ein ganz besonderer Moment. Meine Augen gieren nach den Bildern, die links und rechts der Straße vorbei ziehen. Mit großer Aufmerksamkeit und Neugier versuche ich alles zu erfassen, auch das, was bei Gewohnheit meistens übersehen wird. Realistisch betrachtet ist Manila hässlich, dreckig, schäbig und verfallen. Meine Urlauberaugen finden es lebendig, bunt und faszinierend.

Der Zettel ohne Sinn in meiner Hand erhält jetzt einen. Den will der Taxifahrer nach Ankunft im Hotel zusammen mit den vereinbarten 520 PHP haben. Bezahle ich nun und lege 20 PHP als Tip mit drauf, ist mein Vorrat an Zwanzigern aufgebraucht und der Hotelpage geht leer aus. Geht nicht. Also den Taxifahrer gefragt, ob er auf 1000 PHP rausgeben kann. Ich habe damit gerechnet, dass er verneint. Selber schuld, ich wäre mit gro
ßzügig gerundeter Retoure ja zufrieden gewesen. So zahle ich passend, mein letztes Kleingeld erhält der Page.

Der Check-In verläuft reibungslos und zügig, ich werde langsam Agoda-Fan. Wer Pech hat, bekommt ein Zimmer in der ersten Etage mit Ausblick auf den Drahtverhau asiatischer Stromversorgung sowie einer Armada Wärmetauscher unterhalb des Fensters. Ich habe Pech. Einen Safe im Zimmer gibt es nicht, ich habe leider bei der Buchung auch nicht darauf geachtet. Diese Rolle muss nun mein abschließbarer Koffer übernehmen. Ansonsten ist das Hotel nichts besonderes, aber sauber. Vor allem aber besticht es durch seine Lage, für mich mit weitem Abstand das wichtigste Kriterium bei der Wahl einer Unterkunft.

Den ursprünglichen Plan, zunächst zu duschen und mich umzuziehen, lasse ich nach bestandener Geruchsprobe fallen. Die Neugier zieht mich hinaus in die fremde, aufregende, grosse Stadt. Um halb vier Nachmittags trete ich hinaus auf die Straßen Manilas. Ich, alleine, 12000 km fern der Heimat, die nächsten zwei Wochen. Kann tun und lassen, was ich will. Die Welt gehört mir.



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Das Lotus Garden Hotel
 
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Dank an alle für die motivierenden Kommentare. Am Donnerstag gehts weiter. Ich fürchte, ich habe hier ein Mammutprojekt gestartet....
Frohe Weihnachten!
 
Samstag, 10. November 2012 - Teil 3

Ich verspüre einen unheimlichen Bierdurst. Jetzt zwei, drei San-Miguel-Light in entspannter Atmosphäre, das wäre was. Das G-Point liegt schräg über die Kreuzung nur einen Steinwurf von meinem Hotel entfernt. Zunächst aber führt mich mein Weg zu dem 7/11 direkt daneben. Zigaretten kosten dort je nach Marke ungefähr 50 Cent die Schachtel. Der Rat des Professors aus Tübingen geht mir nun meilenweit am Arsch vorbei.

"Welcome, Sir", begrüßt mich der adrett uniformierte und bewaffnete Security-Mann und hält mir die Tür auf. "Thank you, Sir." In der Mitte des G-Point befindet sich die praktisch viereckige und von allen Seiten zugängliche Bar als Zentrale. Auf der linken Seite vom Eingang aus betrachtet einige Tische sowie ein freigehaltener Platz, der Abends zur Tanzfläche wird. Rechts der Bar der obligatorische Pooltisch. Eigentlich eine ganz normale Kneipe. Ich setze mich an einen Tisch in Fensternähe. So kann ich sowohl das Geschehen hier drinnen, als auch auf der Straße beobachten.

Mein Bier kommt schnell, die Fluppe brennt, ich lasse meine Blicke schweifen.Es sind um diese Zeit nur wenige Gäste da. Neben ein paar Männern verschiedenen Alters und eindeutig ausländischer Herkunft auch ein paar Einheimische. Weiblich, jung, gut aussehend, sexy, freundliche Blicke zuwerfend. Aber unaufdringlich. Hier bin ich richtig. Ein dauerhaftes Lächeln formt sich in mein Gesicht. Innerlich ist es ein Grinsen.

Ich genieße zwei, drei SML und lasse meine Gedanken schweifen. Was werden die nächsten Tage bringen? Eine Woche Angeles City, Bargirls ohne Ende, jeden Tag Orgie im Jacuzzi? So fing es an. Oder ein Freelancer-Duo aus dem Manila Bay Cafe? Männerfantasien, der Anfang aller Reiseplanungen. Aber hatte ich nicht in der Zwischenzeit gelernt, dass die Philippinen weitaus mehr zu bieten haben? Einsame Inseln, einzigartige Natur, fantastische Strände, exotische Tierwelt? Gedanken abschalten. Auf mich zu kommen lassen. Wir werden sehen.

Gegen fünf verlasse ich das G-Point. Ein wenig die Gegend erkunden, bevor es dunkel wird. Um halb sechs ist Sonnenuntergang. Die Straßen und Gassen von Ermita sind schmaler, als ich sie mir im Vorfeld vorgestellt habe. Der erste Eindruck von der Taxifahrt zum Hotel bestätigt sich. Hässlich, dreckig, schäbig und verfallen. Die Armut sticht ins Auge. Nicht als Einzelschicksal, sondern als Massenphänomen. Und dennoch eben auch lebendig, bunt und faszinierend. Eine andere Welt. Die Dritte.

Roxas Boulevard, die Prachtmeile, mehr Schein als Sein. Sonnenuntergang an der Manila Bay, bleibende Eindrücke. Es werden viele folgen. Der Rückweg zum Hotel führt mich am Manila Bay Cafe vorbei. 24 Stunden geöffnet, jeden Tag. Ich werde bei anderer Gelegenheit hinein schauen. Gleich um die Ecke Amazonia, laut Beschilderung ebenfalls durchgängig in Betrieb, eine Neuigkeit für mich. Auch ein anderes Mal? Die Neugier siegt. Es ist fast leer. Nur fast. In Windeseile bin ich umzingelt von fünf, sechs Schönheiten. Naja, ein bi
ßchen Durchschnitt ist auch dabei. Alle reden wie wild auf mich ein, das Übliche. Aber ganz passables Englisch, ein Vorteil der Philippinen gegenüber Thailand. Ich bleibe nur für ein Bier, zu anstrengend hier. Und ein wenig plump.

Zurück im Hotel hole ich die nach über 20 Stunden Reisezeit angesagte, aber vorhin vertagte Pflegeprozedur nach. Stockdunkel ist es nun. Auf den Strassen tobt der Bär. Ich fühle mich sicher. Angst ist kein Grund, Ermita zu meiden. Einmal über die Strasse, und ab in den München Pub-Grill. Deutsche Hausmannskost, ein Rest Heimat für den ersten Abend. Ich bestelle Schweinisches, keine Offenbarung, aber genießbar.

G-Point zum Zweiten, gegen etwa neun Uhr. Der Laden ist voll, die Atmosphäre weiterhin entspannt. Die Augen des Geniessers finden reichlich Nahrung. Man kennt sich hier, es geht familiär zu. Es dauert nicht lange, und ich gehöre dazu. Eine Live-Band sorgt für Musik. Es wird getanzt, gelacht, getrunken, geflirtet. Und wie. Der Abend entwickelt sich zu einer Party, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe. Ein rauschendes Fest. In bester Stimmung, regelrecht euphorisch, funke ich in die Heimat: "Pack sofort deine Sachen und komm hier her. In Manila fliegt die Kuh!"



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G-Point, schräg gegenüber des Hotels hinter dem ersten Sonnenschirm, 7/11 hinter dem zweiten



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A. Mabini, Ecke Sta. Monica, Blick Richtung Norden



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Kreuzung A. Mabini / Sta. Monica



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Sta. Monica am Roxas Boulevard, Blick auf die Bucht von Manila


 
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Sorry, dieses Jahr wirds nichts mehr. Steuererklärung...
Guten Rutsch!
 

Sonntag, 11. November 2012

Die gestrige Party im G-Point habe ich nicht ganz alleine verlassen. Es war so einfach, so natürlich und ganz entspannt. Blickkontakt, ein Lächeln, zahlreiche Gelegenheiten. Dann Zugriff. Sie sticht heraus. Ein "Cheers" hinterhergeschickt und schon kam sie angetänzelt. July*), 25 Jahre alt. Ein 40kg-Schmuckstück mit samtweicher Haut und seidenglattem Haar, das sich mir in High-Heels bequem an die Schulter lehnen kann. Eine Viertelstunde später sitzt sie auf meinem Schoß.

July scheint sehr beliebt zu sein im G-Point. Sie kennt alle. Und alle kennen sie. Gäste, freischaffende Kolleginnen, Service-Personal. Und sie fällt auf mit ihrer lebendigen, quirligen, ja manchmal fast ein wenig aufgedrehten Art. Und durch ihre optischen Reize, die sie gekonnt in Szene zu setzen weiss. Dass der Abend in einer so fulminanten Party endet, liegt ein Gutteil an Julys Gesellschaft. Irgendwann schallt ihr der Ruf von einer befreundeten Kellnerin hinterher: "You got him!" Hier erobern Frauen die Männer, nicht umgekehrt. Das ist Asien, diese andere Welt.

Die Nacht bleibt eine Unvollendete. Kein Wunder, Jetlag und eine nicht zu vernachlässigende Menge an Alkohol zeigen Wirkung. Fortsetzung gegen Mittag, jetzt zählt der Länderpunkt. Über Geld haben wir bislang nicht gesprochen. Auch nicht als wir erneut im G-Point sitzen und uns das Mittagsbuffett als Frühstück gönnen, zu dem ich sie freilich einlade. July will alles über meine Reisepläne wissen. Sollte ich ihr nun von all den verwegenen Männerfantasien berichten, die mich überhaupt auf die Idee gebracht haben, hier her zu fliegen? Dass mein gestriger Besuch im G-Point nur der gemächliche Anfang einer vor mir liegenden Woche mit andauernder Vielweiberei und ausschweifenden Eskapaden war? Das scheint mir in dem Moment unangebracht. Und so gebe ich zum Besten, was ich mir in den vergangenen Wochen an Unverfänglichem über die Philippinen angelesen habe. Bei Bohol wird sie hellhörig. Dort wohnen ihre Eltern. Und zwei ihrer insgesamt drei Kinder.

Intramuros und Rizal-Park will ich heute sehen. Ein bißchen Alibi-Sightseeing zur Tarnung. Wie selbstverständlich übernimmt July die Reiseleitung. Schon nach dem Aufstehen hat July mit Freude festgestellt, dass sie Wechselklamotten in der Handtasche mit sich führt. Überhaupt gefällt mir die Kleiderordnung hier. Für junge, hübsche Frauen reichen ein paar Fetzen Stoff. "In Hamburg tragen die Nutten Skianzug", lässt mich der Kollege wissen, den ich gestern Abend noch ultimativ aufgefordert habe, seinen Arsch hier her zu bewegen. In Manila sind es Hot-Pants oder Minikleid, handtaschengerecht.

In der San Agustin Church feiern wohlhabende Filipinos Hochzeit, der Platz vor der Kirche zugeparkt, zahlreiche Nobelkarossen darunter. Wir schlendern durch das benachbarte Museum. Von dort gibt es Zugang auf eine Empore mit Chorgestühl im Gotteshaus. Wir betrachten die Zeremonie gemeinsam und schweigend. Kirche hat Bedeutung auf den Philippines. Rizal-Park. Fotosession, relaxen auf der grünen Wiese. Rauchverbot und Trinkverbot. Eine wohlgepflegte Oase mitten in Manila. Stumme Zärtlichkeiten. Und die gelebte Leichtigkeit des Seins.

Unser Rückweg nach Ermita führt über die Robinson Mall. Dort gibt es eine SIM-Karte für mich und Guthaben für Julys Cherry Mobile. Sie gibt sich bescheiden, greift zur 100 PHP-Karte. Es kostet mich einige Mühe, ihr die 300er Variante anzudrehen. Zweidrittel davon überträgt sie umgehend ihrer Mutter.

Wo immer wir auftauchen, zieht July die Blicke auf sich. Ich fühle mich als Glückspilz. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen. July hat sich im Laufe des Nachmittags offenkundig in den Kopf gesetzt, mich auch die nächsten zwei Wochen als persönliche Reiseleiterin zu begleiten. Ich schmunzele über ihre offene und offensive Art, sage aber nichts dazu. Eigentlich habe ich ja andere Pläne. Ein zauberhafter Juwel legt sich ins Zeug, mir meinen wohlverdienten Urlaub zu versüßen. Und ich hege den Gedanken, sie fort zu schicken. Aber bin ich damit wirklich gut beraten? Erinnerungen an Bangkok werden wach. Dort war ich vor einem knappen Jahr für drei Tage auf dem Weg nach Vietnam, meiner zweiten Reise nach Asien, um mich in Hanoi mit einem gut befreundeten Pärchen zu treffen. Den ausführlichen Zwischenstopp, auf dem Rückweg noch mal zwei Nächte, habe ich damals ganz bewusst eingeplant. Ich alleine und frei in der Stadt der Engel. Mich den Verführungen der roten Lichter hingebend. So wie jetzt in Manila. Aber habe ich es damals nicht bitter bereut, meiner Eroberung des ersten Abends aus dem Beergarden in der Soi 7 am nächsten Tag den Laufpass gegeben zu haben? Waren die darauf folgenden Begegnungen nicht allesamt vergleichsweise enttäuschend? Mir mein Drang nach Unabhängigkeit und Abenteuer nicht mächtig auf die Füsse gefallen? Nun gut, der Vergleich hinkt. Vor mir liegt eine geschlagene Woche unbegrenzter Möglichkeiten. Genügend Zeit mich auszutoben. Ein oder zwei Fehlgriffe würden da nicht all zu sehr ins Gewicht fallen. Und wenn alle Stricke reissen, fliege ich halt nächste Woche alleine nach Boracay.

Zum Abschluss des Ausflugs mal wieder ins G-Point, so langsam Dreh- und Angelpunkt meines Aufenthalts in Manila. Aber zwei, drei SML dürfen jetzt schon sein. Muss ja klare Gedanken fassen können. Der Abstecher endet mit einer Einladung. Eine Einladung an Angie*), Kellnerin der Tagschicht und gute Freundin Julys. Zu dritt wollen wir abends essen gehen. Dass July einlädt und ich bezahlen werde, versteht sich von selbst.

Eine kurze Shoppingtour durch den 7/11, Mentos und andere Kleinigkeiten für July, Zigaretten für mich. Dann geht es zurück ins Hotel. Die allgegenwärtigen, bettelnden Kinder werden mit einem mittlerweile routinierten, aber freundlichen "Sorry, no change. May be next time" auf Distanz gehalten. Duschen, Umziehen, in einer Viertelstunde sollte Angie ins Hotel kommen. July findet, dass die Zeit locker ausreicht für eine Runde "Bum-Bum". Nun denn, muss ja nicht immer romantisch sein. Angie ist sehr pünktlich, Anruf vom Frontdesk, unser Gast begehrt Einlass. Als wir zu dritt im Hotelzimmer sind, habe ich meine Hose so gerade eben wieder an. July macht kein Geheimnis daraus, in welches Großereignis Angie gerade geplatzt ist und lacht laut dabei. Ansteckende Offenheit.

Das philippinische Restaurant, das eher an ein Bierzelt erinnert, liegt ebenfalls nur wenige Schritte vom Hotel aus entfernt in der Padre Fauna. Die Live-Musik zum Essen fällt leider aus, es ist Sonntag. Wir bestellen Lapu-Lapu, gegrillten Fisch, natürlich Reis und auch sonst noch ein paar Leckereien. Bei uns gibt es Schillerlocken, Mozartkugeln, Bismarckheringe und Kohlrouladen. Hier firmiert also gegrillter Fisch unter dem Namen des philippinischen Nationalhelden und Bezwingers Ferdinand Magellans. Geschmeckt hat er.

Ob es Angie unangenehm war, von July eingeladen auf meine Rechnung zu dinieren, weiss ich nicht. Jedenfalls muss ich sie überreden, sich ein zweites Getränk zu bestellen, nachdem das Erste leer war. Für eine Kellnerin ist so ein Abend mit Lapu-Lapu und anderen Köstlichkeiten richtiger Luxus. Für mich nur eine nette Geste.

Nach dem Essen beginnt eine Odyssee. Eine Odyssee durch Ermita und angrenzende Stadtteile. July will Kuchen kaufen. Besser gesagt verschenken. Eine weitere Freundin und gewissermaßen Berufskollegin aus dem G-Point feiert um Mitternacht Geburtstag. Das Kaufen bleibt mein Part. Los geht es im Jeepney, meine Premiere. Es muss ein bizarres Bild sein, wenn sich ein beinahe 1,90m großer Mitteleuropäer in den buntbemalten, aber etwas engen Fahrzeugaufbau zwängt. Jedenfalls werde ich von den übrigen Fahrgästen betrachtet wie ein Außerirdischer. Ich bewundere, wie reibungslos der Zahlungsverkehr zwischen Passagieren und Fahrer abläuft. Letzterer muss ja nebenher noch den Straßenverkehr im Fokus behalten. Und der ist in Manila bekanntlich nicht ohne.

Kuchen im eigentlichen Sinne ist im Umkreis von zwei Kilometern nirgends aufzutreiben. Stattdessen gibt es drei Donuts, drei Kerzen um sie in die Donutslöcher zu pflanzen, sowie literweise Eis. Eis muss hier als ganz besondere Köstlichkeit gelten. Ideal, um damit zu einem Geburtstag aufzuwarten, jedenfalls wenn man einen Sponsor mit an Bord hat. So bewaffnet geht es um zehn Uhr abends wieder ins G-Point. "Buy One, Take One"-Zeit. Eine Runde Blow-Job-Shots, etliche weitere Getränke, die Party kann steigen. July und ihre Freundinnen geben Gas. Bei mir macht sich Müdigkeit bemerkbar. Getränkerechnung unterschreiben klappt aber noch.

Meiner charmanten Begleitung bleibt meine Gemütslage nicht verborgen. Um ein Uhr in der Nacht erlöst sie mich, wir gehen zurück ins Hotel. Unterdessen hat sich im Verlauf des Abends meine Entscheidung gefestigt. Morgen werde ich mich von July verabschieden. Ihr freiwillig noch zweitausend Peso als Trostpreis mit auf den Weg geben, ihre Kinder wollen versorgt sein, und dann neu starten. Manila Bay Cafe wartet ja noch auf mich. Und wer weiss, was sich sonst noch ergibt. Das Gefühl, die Welt gehöre mir, ab Morgen wieder.

Um July nicht vor den Kopf zu stoßen, versuche ich sie behutsam auf den Abschied vorzubereiten. Dass ich noch nicht wüsste, ob ich weitere Zeit mit ihr verbringen will, sage ich ihr. Sie wollte ohnehin Morgen nach Hause, also in die Wohnung ihres Bruders, der Schwägerin und Julys jüngstem Kind, das bei den beiden aufwächst. Nachmittags würde ich sie dann anrufen und ihr Bescheid geben, ob ich sie wieder treffen will. "Up to you. It's your holiday." Der Tonfall kann die Enttäuschung nicht verbergen. Soll er wahrscheinlich auch nicht.

Mitten in der Nacht werde ich wach. July ist im Bad und duscht. Als sie wieder heraus kommt, ist sie fertig zum Gehen. Sie will weg. Jetzt, sofort. Ich versuche sie zu überreden, doch wenigstens bis morgens zu bleiben. Gebe ihr die für sie vorgesehenen zweitausend Peso bereits jetzt. Beteuere, dass doch noch gar keine Entscheidung gefallen sei. Sie bleibt. Wir unterhalten uns lange. Über sie, das G-Point, ihr Leben, ihre Vergangenheit als Bargirl in Puerto Galera, ihre Familie, ihre Sorgen und Ängste. Ich höre Geschichten über Unfälle, Krankheiten, Schicksalschläge, Todesfälle. Was wahr ist, was Märchen, was Schauspiel? Ich weiss es nicht. Aber es bewegt.

Die July, neben der ich versuche wieder einzuschlafen, ist eine andere, als die, die ich am ersten Abend kennengelernt habe. Sie eng an mich gedrückt liege ich lange wach. Tausend Gedanken wühlen sich durch meinen Kopf. July bemerkt meine Schlaflosigkeit. Ich solle mir keine Gedanken machen, es sei mein Urlaub, meine Entscheidung und alles sei in Ordnung. Ich gestehe ihr, dass es mir schon schwer fallen würde, sie zu enttäuschen. "I got dissapointed my whole life, one more time really doesn't matter."



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St. Agustin Church, zugeparkt



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Hochzeit innen



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July zieht die Blicke auf sich...



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July und der Autor dieser Zeilen


*) Name geändert
 
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Montag, 12. November 2012

Am nächsten Morgen führt unser erster Weg direkt zum Reisebüro, einem kleinen Ticketschalter am Rande der Robinson Mall. Dort sind alle Airlines im Angebot. Zest Air ist am günstigsten. So wohl vom Zeitpunkt, Abflug ist am nächsten Tag mittags um ein Uhr, als auch vom Preis. Für umgerechnet knapp 80 Euro kaufen wir zwei Tickets nach Tagbilaran, Hauptstadt der Insel Bohol, Julys Heimat.

Warum die Kehrtwende? Habe ich mich einfach nur gedrückt vor der für July enttäuschenden Weichenstellung? Vielleicht. Bin ich mit einer simplen Mitleidsmasche um den Finger gewickelt worden? Vielleicht auch das. Beginnt hier ein Schauspiel, bei dem ich die unbeliebte Rolle des übertölpelten Goldesels übernehme? Ich werde wachsam sein müssen. Droht am Ende sogar akute LKS-Gefahr? Nein, eher nicht. July ist nicht der Typ, in den ich mich verliebe. Aber sie interessiert mich, ich bin neugierig. Wer ist July wirklich? Ist die quirlige Partymaus nur Fassade und verbirgt sich dahinter das enttäuschte, fast verzeifelte Häuflein Elend, wie ich es gestern Nacht erlebt habe? Oder sind Maske und Wahrheit genau anders herum verteilt? Ich lasse mich ein auf das Spiel. Für die nächsten drei Tage, begrenztes Risiko. Am Ende werde ich sie mit ausreichend Kleingeld für die Rückreise nach Manila ausstatten und meinen Trip alleine fortsetzen. Cebu-City soll auch ganz nett sein, vereinsamen werde ich dort sicher nicht.

Frühstück in der Robinson Mall. Für mich Chicken Adobo, July ißt Krebs. Sie wirkt glücklich. Auf dem Weg hierher beschleicht mich eine Vorahnung. Wenig später wird sie wahr. July braucht zum Verreisen einen Koffer. Sind wir nicht gerade an einem Stand in der Mitte der Mall vorbeigelaufen, wo es stapelweise davon in allen Farben, Formen, Größen und Varianten gab? Julys Auswahl überrascht mich keine Sekunde. Ist aber auch ein schickes Exemplar. Paris, London, New York steht darauf in bunten Lettern geschrieben. "Willst du nach New York?", frage ich spaßeshalber ohne nachzudenken. Mit einem tiefen Seufzer und leicht vorwurfsvollem Blick erklärt July mir Unwissendem, dass das wohl für sie immer ein Traum bleiben werde. "Bohol ist für den Anfang auch nicht schlecht", murmele ich und bezahle die aufgerufenen 2000 PHP. Meine spontane Frage ist mir ein bißchen peinlich.

Ausgestattet mit ihrem neuen Köfferchen und dem Baren aus der letzten Nacht besteigt July ein Taxi nach Pasay, wo ihr Bruder mit seiner Frau lebt. Samt Jonas*), Julys jüngstem Sohn. Dessen Vater ist Norweger, frisch nachgewiesen mit 99,99-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Eine Kopie des Briefes eines Anwalts an den Erzeuger habe ich mit eigenen Augen gesehen. Ob er Unterhalt für den mittlerweile knapp zwei Jahre alten Nachwuchs zahlen wird, ist bis dato völlig offen. Ich selbst schlendere zurück ins Hotel, will ein wenig Schlaf nachholen. Und durchatmen. Ich bin in einem Film, dessen Drehbuch ich nicht kenne.

Nach ein paar Stunden wecke ich mich am späten Nachmittag mit einer kalten Dusche und frischen Klamotten. Fertig für den vorerst letzten Abend in Manila. Es wird Zeit. Nach zwei Tagen wird der Moloch bedrückend. Ich begebe mich wieder in meine frischgebackene Stammkneipe, dem Epizentrum aller Ereignisse. Es dauert nicht lange und mein Telefon klingelt. July erkundigt sich nach meinem Aufenthaltsort und sitzt eine Viertelstunde später neben mir. Jetzt mit gepacktem Koffer. Sie berichtet ihren Freundinnen nicht ohne Stolz von unserem Vorhaben und erntet neidische Blicke. "You got him!", dieser Spruch von gestern Abend klingt mir noch in den Ohren. War der genauso gemeint?

July erklärt mir, warum sie hier bei allen so beliebt ist. "When ever I meet a boy at G-Point", das Wort "Customer" vermeidet sie tunlichst, "I share my blessing with my friends." Besorgt Burger für alle im Jollibees direkt gegenüber, spendiert Getränke. Oder schmeißt Geburtstagsparties, bringt Eis mit, lädt zum Essen ein, leitet Telefonguthaben weiter. Ich beginne zu verstehen.

Julys Koffer sorgt für Aufsehen. Zwei Kellnerinnen treiben Schabernak und verstecken ihn, ohne dass wir etwas bemerken. Auch wenn es nur ein Spaß war, der Schock über den plötzlich verschwundenen Koffer sitzt tief. July will ihn ins Hotelzimmer bringen, außerdem Duschen und sich umziehen. Ich gebe ihr die Zimmerkarte. Für Misstrauen ist es jetzt zu spät.

Den restlichen Abend verbringen wir zu zweit. Keine Freundinnen, keine Geburtstagsgeschenke, kein "share blessing". Nach einer Runde Pool-Billard im G-Point, July beherrscht den Sport perfekt, ich blamiere mich bis auf die Knochen, geht es zum Abendessen in den München Grill-Pub. Schnitzel Wiener Art ist nicht Julys Sache, auch wenn sie es artig lobt. Später entern wir den Cowboy-Grill ein paar Meter die A. Mabini nach Norden, eine rein philippinische Veranstaltung, Touristen oder Expats sind kaum zu sehen. Eine Reihe von Live-Bands spielen nacheinander, nur von kurzen Pausen unterbrochen, tanzbare Rockmusik. Die Qualität der Musiker lässt jeden peinlichen Casting-Show-Gewinner aus deutschen TV-Landschaften alt aussehen. Der Long Island Ice Tea ist nach Intervention richtig kernig, Tequila im Sonderangebot. Wir tanzen uns in den Rausch. July wird mit Blicken bewundert, ich beneidet. Der Film, dessen Drehbuch ich nicht kenne, nimmt eine Wendung, die mir gefällt. Wenn er so weiter geht, war meine Entscheidung von heute Morgen goldrichtig. Wir verlassen gegen ein Uhr den Laden, beide mit frisch erworbenen "Certified Cowboy"-Shirts. Und glücklich, ebenfalls beide.

Auf dem Rückweg spendiere ich July Balut, gekochte Eier mit angebrüteten Küken. Im Hotelzimmer will sie mir diese philippinische Spezialität schmackhaft machen. Ich bin durchaus offen für exotische Kulinarik in fernen Ländern, habe aber Grenzen. Balut liegt jenseits dieser.

Nach der obligatorischen Dusche wird es mal wieder Zeit das Pflaster zu wechseln, hinter dem ich meine nekrotische Wunde auf dem linken Fußrücken, die ich aus Deutschland mitgebracht habe, verberge. Bislang geschah das immer im Verborgenen. Heute sieht July diesen kreisrunden, schwarzen Fleck von ungefähr 15mm Durchmesser. Sie will wissen, woher dieser kommt. Wahrheitsgemäß antworte ich, dass selbst hoch dekorierte, mit allen akademischen Weihen gewaschene Ärzte darüber rätseln. Nicht so July. Nach kurzem Nachdenken weiss sie Bescheid: "I think you're alien."




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July beherrscht die Kugeln perfekt


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Tanzpause im Cowboy-Grill


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Certified


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Balut



*) Name geändert


 
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