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Dienstag, 13. November 2012 - Teil 1
Nach meiner Enttarnung als Alien dauert die gestrige Nacht noch ein wenig länger, mit allseits bekanntem und gleichermaßen beliebtem Zeitvertreib. July ist, was das betrifft, eine echte Herausforderung. Ungeachtet dessen wachen wir am Morgen relativ früh auf, die Vorfreude auf Palmen, Strand, Sonne und Meer treibt uns aus den Federn. Und mein Drei-Tage-Bart. Nach meinem ehrlichen Geständnis, dass ich diesen nur trage, weil ich zu faul wäre, mich täglich zu rasieren, hat July noch gestern Nacht beschlossen, diese Aufgabe fortan selbst zu übernehmen. Und so sitze ich nun mit eingeschäumter Visage auf der Bettkante, während meine Reiseleiterin auf meinem Schoß turnend mir mit einer Akribie und Hingabe das Fell von den Backen schabt, dass es mir wohlige Schauer den Rücken rauf und runter jagt. Auf diese Weise frisch aufgehübscht lasse ich mir an der Rezeption noch quittieren, dass Hotelzimmer in halbwegs brauchbarem Zustand hinterlassen zu haben, und schon stehen wir mit unserem Gepäck vor verschlossener Tür. Das Buffet im G-Point wird leider erst um 11 Uhr eröffnet. In der Jollibee-Filiale direkt auf der anderen Straßenseite finden wir eine auch im Wortsinn naheliegende Alternative für ein kurzes Frühstück während der nun zu überbrückenden halben Stunde. Die darauf folgende, vorerst letzte Einkehr in das G-Point dient folglich auch nicht mehr unserer morgendlichen Stärkung, sondern als letzte Gelegenheit zur Verabschiedung auf unbestimmte Zeit. Für July, aber auch für mich, ist mir der Laden doch in den vergangenen Tagen vertraute Umgebung, ja fast schon Heimat geworden. Gerne wieder.
Nach kurzem Aufenthalt, jeweils einem Mangoshake und zahlreiche Umarmungen später, steigen wir in ein Taxi zum Flughafen, Domestic Terminal. Die zunächst verwirrende, im Nachhinein aber nachvollziehbare Route zum Roxas Boulevard, der direkt Richtung Fahrtziel führenden Hauptstraße entlang der Bucht von Manila, beschert mir noch einmal eine geballte Ladung Downtown, noch einmal springen allgegenwärtige Armut und Verfall erbarmungslos ins Auge, brennen Bilder auf die Netzhaut, die haften bleiben. Als wir, bereits in Pasay irgendwo in der Nähe des Airports, in einen Stau geraten, verriegelt July unsere Türen von innen. Sie wird wissen, warum. Das Vertrauen in die um uns herumschwirrenden, um die nackte Existenz kämpfenden Feilbieter diverser Waren und Dienstleistungen scheint begrenzt, die Atmosphäre wirkt gespenstisch. War ich vor wenigen Tagen noch fasziniert von den ersten Eindrücken der philippinischen Millionenmetropole, überwiegt jetzt ein gewisses Gefühl der Erleichterung, diese bizarre Anhäufung hässlich geformten und schlecht oder gar nicht bemalten Betons nun verlassen zu können.
Was für ein Kontrast dazu würde das auf den Werbebildchen paradiesisch anmutende Oasis Resort bieten, mit direktem Zugang zum Alona Beach auf der kleinen, vorgelagerten Insel Panglao, über zwei Brücken mit der Hauptinsel Bohol verbunden. Alona Beach, touristischer Hotspot in den Central Visayas. Nicht ganz so populär wie Boracay, aber für einen Erstbesucher des philippinischen Archipels sicherlich ein lohnendes Ziel. Oasis Resort, kein ganz billiges Vergnügen. Für drei Nächte hat July schon gestern Abend telefonisch ein Zimmer für uns reserviert, mit 3900 PHP schlägt jede davon zu Buche. Sie war dort wohl schon einmal mit einem meiner Vorgänger, dem will ich dann natürlich in nichts nachstehen. A propos Vorgänger: July redet sehr offen über ihre früheren Bekanntschaften. Im Laufe der Zeit hat sich ein gewisser Typus heraus kristallisiert, mit dem sie mehr oder weniger lange Tisch und Bettchen teilt. Groß, schlank und kahler Schädel, ich passe genau ins Raster. Zu einigen ihrer früheren "Boys from the G-Point", sie vermeidet nach wie vor das Wort "Customer", pflegt sie zumindest freundschaftlichen Kontakt, meistens über Facebook. Zu dem Zweck unterhält sie dort und auf anderen Portalen nicht jeweils ein, sondern gleich mehrere Profile und ist dementsprechend häufig mit dem Lesen und Verfassen neuer Botschaften beschäftigt. Wer in diesen "Social Media"-Netzwerken nicht vertreten ist, wird über den gewöhnlichen Kurznachrichtendienst bei Laune gehalten. Oder eben telefonisch, jedenfalls solange noch Guthaben da ist. Letzteres gilt vor allem für den intensiv gepflegten Kontakt mit ihrer Familie, wobei diese Gespräche in einer für Asien ungewohnten Lautstärke geführt werden. Ich vermute den Jahrhunderte währenden spanischen Einfluss hinter dieser Eigenart. Mich stört Julys geschwätziges Hobby nicht, ich bin selbst niemand, der pausenlos ungeteilte Aufmerksamkeit braucht, um permanent Smalltalk zu betreiben. Vielmehr beobachte ich fasziniert und ein wenig auch amüsiert, wie gewand meine mittlerweile ständige Begleitung die brandaktuellen elektronischen Kommunikationsmittel für ihr irgendwo zwischen privat und beruflich einzuordnendes "Networking" einsetzt.
Das Domestic Terminal, mit Ausnahme der Philippine Airlines für die Inlandsflüge aller übrigen Luftfahrtgesellschafft genutzt, ist die älteste und kleinste Abfertigungshalle des Flughafens. Die Einrichtung ist spartanisch und rein zweckorientiert, man kann die Blicke schweifen lassen, so viel man will, nirgends ist auch nur ein gestalterisches Element zu entdecken, das vielleicht geeignet sein könnte, den Passagieren einen Aufenthalt in behaglicher Atmosphäre zu bescheren. Dass Julys optische Reize in solch einem Umfeld für mein Seelenheil eine um so größere Wirkung entfalten, versteht sich von selbst, was mich wiederum dazu verleitet, ihren Anblick möglichst häufig fotografisch festzuhalten, am liebsten, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Unwissentlich abgelichtet zu werden mag sie gar nicht, sie ist da eitel und erbittet sich die Gelegenheit, sich ansprechend in Szene setzen zu können. Wenn sie mich deshalb rechtzeitig bemerkt, torpediert sie mein hinterlistiges Vorhaben mit ruckartigen Bewegungen mindestens eines Körperteils just in dem Moment, in dem ich den Auslöser betätige, womit sie den Autofokus meines Smartphones verwirrt. Neckische Spielchen eines Pärchens auf Urlaubsreise.
Wir checken problemlos ein, passieren diese und jene Kontrolle anstandslos, Terminal-Fee muss keine bezahlt werden. Nicht etwa, weil sie aufgrund der mangelnden Aufenthaltsqualität im Domestic Terminal entfallen würde, sondern weil sie bei Inlandsflügen ab Manila bereits im Ticketpreis enthalten ist. Die nun üppig verbleibende Wartezeit vertreiben wir uns mit Coffee-to-go, Kleinigkeiten zum Essen, sowie Gedankenspielen über die Gestaltung der nächsten Tage auf Bohol und Panglao. Morgen sind wir zum Lunch bei Julys Eltern in Ubay, ganz im Osten Bohols, eingeladen. Die Eltern leben dort zusammen mit Julys ältestem Sohn, 6 Jahre alt, und ihrer Tochter, 4 Jahre. Desweiteren mit Julys 16-jähriger Cousine, die als Waisenkind von der Familie aufgenommen wurde und von July als eine Art kleine Schwester betrachtet wird. Fehlt in der Aufzählung nur noch Julys jüngerer Bruder, dann ist die Sippe komplett, mal abgesehen vom älteren Bruder, der ja mit seiner Frau in Manila lebt.
Dass sich Julys Eltern mit dem An- und Verkauf von Fischen über Wasser zu halten versuchen, durch eine Reihe unschöner Ereignisse in der jüngeren Vergangenheit aber in Schwierigkeiten geraten sind, sodass sich die Tochter verpflichtet fühlt, durch regelmäßige Zuwendungen für familiäre Unterstützung zu sorgen, weiss ich bereits. Die im Laufe der letzten Tage an den Mann gebrachten, tragischen Anekdoten, auf die ich wahlweise aus Gründen der Diskretion, nicht überprüfbarem Wahrheitsgehalt oder mangelhaftem Erinnerungsvermögen nicht näher eingehen will, ergänzt July nun noch an der ein oder anderen Stelle. Alle diese Geschichten zusammen auf die Goldwaage gelegt sind nach meinem Eindruck nicht nur geeignet, den elterlichen Gewerbebetrieb in die Krise zu stürzen, sondern den gesamten Fischhandel in Südostasien zum Erliegen zu bringen. Dass unter diesen Umständen eine Einladung zum Mittagessen, Krebse und andere Seeungeheuer soll es geben, eine gehörige Anstrengung bedeutet, zumal zu Ehren des besonderen Gastes nicht Leitungswasser, sondern Limonade als Getränk dazu gereicht werden soll, leuchtet mir sofort an. Der ergänzende Hinweis, dass nun noch ausgerechnet gestern die aktuelle Stromrechnung ins Haus geflattert sei, genügt, um mich restlos davon zu überzeugen, dass es sinnvoll sei, morgen 2000 PHP der Familienkasse zu spendieren, gewissermaßen als pragmatisches und hilfreiches Gastgeschenk, das ganz erheblich zum Gelingen unserer Zusammenkunft beitragen würde. Warum auch nicht? "Share my blessing" kann ich auch.
Mit knapp halbstündiger Verspätung, Zest Air hat da in dieser Beziehung offenkundig einen gewissen Ruf, können wir in den tadellos in Schuß wirkenden Airbus A320, der uns in knapp einer Stunde Flugzeit nach Tagbilaran bringen soll, einsteigen. Das Flugzeug ist nur mäßig ausgelastet, July sitzt am Fenster, ich platziere mich mittig, der Gangplatz bleibt frei. Wer nach dem Start zurückblickt auf die scheinbar unendlich ausgedehnte, überwiegend flache Bebauung von Metro Manila, die sonst in asiatischen Großstädten wie Pilze aus dem Boden schießenden Wolkenkratzer sieht man hier selten bis gar nicht, der ahnt, welche städtebauliche Katastrophe samt exorbitanter Wohnungsnot er hier hinter sich läßt. Wer drei Tage vor Ort verbracht und die auf schmutziger Wellpappe übernachtenden Familien gesehen hat, der ahnt es nicht, der weiss es.
Die Zeit vergeht wie im Flug, sagt man, wenn die Zeiger der Uhr auf einmal vermeintlich schneller voranschreiten. Dieses gefügelte Wort muss auf dem Luftweg von Manila nach Bohol erfunden worden sein. Kaum haben wir unsere Reiseflughöhe erreicht, beginnt auch schon der Landeanflug. Dicht geht es an der Westküste vorbei, dann zieht die Maschine einen großen Kreis um Panglao, leider erst nach der über die Lautsprecher kundgegebenen Bitte "please switch off all your electronic devices", um dann die einsame Landebahn des niedlich kleinen Flughafens von Tagbilaran, den man mit seiner sehr überschaubaren Infrastruktur wahrscheinlich sogar in Berlin mit nur dreijähriger Verspätung fertig stellen könnte, aus südlicher Richtung ins Visier zu nehmen. Touch down. Bohol, wir kommen.
PS.: Weil July angekündigt hat, die hier von mir gezeigten Bilder auch auf Facebook & Co. zu posten, bin ich so frei und verzichte ab sofort auf das Gesichterverpixeln.
@Nixus: Ich habe mir auch schon mal ueberlegt, mal erst einen laengeren Teil fertig zu schreiben, um ihn dann in Gaenze online zu stellen. Allerdings neige ich dazu, mich an einem kurzen Abschnitt wie eben gepostet, fest zu beissen, sprich jedes Wort dreimal um zu drehen. Die Zeitbeschraenkung zur nachtraeglichen Bearbeitung hier im Forum zwingt mich dazu, weiter zu machen mit dem naechsten Abschnitt. Aber du kannst ja, wenn ich in vielen Wochen einmal fertig bin, noch mal von vorne anfangen und den ganzen Bericht in einem Rutsch durchlesen.
@dieneuenmitleser: Danke für die Blumen und herzlich willkommen!
@alle: Ich werde versuchen, das , Niveau' der Berichterstattung zu halten. Was nicht ganz einfach ist, muss ich doch als ungelernter Autor mich ganz bewußt in die jeweilgen Situationen hinein versetzen und dann stundenlang den Text solange editieren, bis er in meinen Augen das jeweilige Stimmungsbild meiner Reise wiedergibt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mich aktuell gerne anderen Hobbies hingebe. Konkret: Die nächste Reise will gut geplant sein...
Dass July sehr kommunikativ und offen ist, gleichzeitig eine gewinnende Art an sich hat und sie dementsprechend viele Freunde und Bekannte ihr eigen nennt, weiss ich schon seit unserer ersten Begegnung im G-Point. Das ist offenkundig auf Bohol nicht anders, kein Wunder, sind wir doch gerade auf ihrer Heimatinsel gelandet. Als wir das Flughafengebäude verlassen, erwartet uns eine Heerschar Taxifahrer, die dazu angetreten sind, die soeben auf dem Luftweg eingetroffenen Touristen zu ihren Resorts oder Hotels zu kutschieren. Einer davon, ein sympathisch wirkender Kerl etwa meines Alters, erkennt July, sie ihn ebenfalls, und beide begrüßen sich und halten Smalltalk, wie es eben alte Bekannte tun, die sich nach längerer Zeit völlig überraschend mal wieder begegnen. July klärt mich nach dem kurzen Wortwechsel darüber auf, dass es sich bei unserem Gegenüber um Dundon handelt, einem früheren Mitarbeiter des elterlichen Fischhandels, zu besseren Zeiten wohlgemerkt, der sich nunmehr den Lebensunterhalt für sich und seine fünfköpfige Familie mit dem Transport von Urlaubern statt Meeresbewohnern verdient. Weil sich Dundon aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit als Freund der Familie betrachten kann, steht natürlich fest, wer uns zum ortsüblichen Tarif von 500 PHP zum ungefähr 20 Kilometer entfernten Oasis Resort auf Panglao bringen würde. Nachdem mich July unserem Chauffeur noch namentlich bekannt gemacht hat, über den scherzhaften Zusatz "My Alien" hinausgehende Erklärungen über meine Rolle hält sie offenbar nicht für erforderlich, auch mein neuer Bekannter macht keinen besonders fragenden Eindruck, begeben wir uns zum Fahrzeug, einem auf den Philippinen montierten "Mitsubishi Active", geparkt ein paar Meter außerhalb des für Kraftfahrzeuge abgesperrten Areals unmittelbar vor dem Terminal. Für mich eine willkommene Gelegenheit, auf dem kurzen Spaziergang meiner Nikotinsucht nach zu kommen und mich mit den gleichen Atemzügen der erfreulichen Erkenntnis hinzugeben, dass mir doch nichts besseres hätte passieren können, als direkt am ersten Abend eine derart qualifizierte Reisebegleitung für mich erobert zu haben.
Die Route, die zu einer der beiden Brücken führt, die am südlichen Stadtrand Tagbilarans die Verbindung nach Panglao herstellen, zwingt uns einmal quer durch die eher unspektakuläre Provinzhauptstadt Bohols. Die Bilder dieser Fahrt unterscheiden sich kaum von den haften gebliebenen Impressionen aus Manila, Architektur und Städtebau müssen den Filipinos vollständig fremde Disziplinen sein. Nicht zuletzt deshalb lehne ich Julys Vorschlag ab, gleich hier in Tagbilaran meine noch nicht in der Ausrüstung befindliche Badehose, sowie den ihr, wen wunderts, ebenfalls fehlenden Bikini zu erwerben, auch wenn dies natürlich deutlich preisgünstiger von statten gehen würde, als in einer der Strandboutiquen am Alona Beach, wie July mit Nachdruck betont. Aber ich will in diesen Minuten ganz einfach nur heraus aus diesem Gewühl, dem Grau, dem Lärm und dem Dreck, heraus an die Luft, in die Natur, an die Sonne, den Strand, das Meer. Und zwar jetzt. "Ok, you have the money, you are the Boss!" So sieht es aus.
Nach ein paar weiteren Minuten Fahrtzeit, während derer July telefonisch dem Oasis Resort unsere baldige Ankunft bestätigt, werde ich nicht enttäuscht, präsentiert sich die Insel Panglao doch in einem gänzlich anderen Bild. Saftiges Grün, in den strahlend blauen Himmel ragende Palmen, fröhliche Schulkinder in addretten Uniformen auf dem Heimweg, idyllisch in die zauberhafte Landschaft eingebettete Einfamilienhäuser mit frischem Aussenanstrich, neben Landwirtschaft vielfältige, augenscheinlich florierende Gewerbebetriebe, ein Spiel- und Sportplatz, der manch eine Gemeinde in Deutschland vor Neid erblassen lassen würde, alles an einer schnurgeraden Landstraße in tadellosem Zustand, vereinzelt links und rechts der Fahrbahn grasende Kühe, die den lustigen Eindruck erwecken, als würden sie per Anhalter mitfahren wollen, wären sie nicht dummerweise angebunden. Freilich gibt es auch hier Bretterbuden und ähnlich simple Provisorien, wir sind schließlich auf einer tropischen Insel. Aber alles wirkt nicht nur ein wenig aufgeräumter, zufriedener, zuversichtlicher, sondern irgendwie auch wohlhabender. Die zahlreichen die Zeit totschlagenden, häufig nur mit Alkohol und Drogen ihre Verzweiflung und Resignation für ein zynisches Lächeln beiseite schiebenden Beschäftigungslosen aus Manila sieht man hier jedenfalls nicht. Die Bewohner der Insel scheinen von ihrem sichtbar lohnenden Tagwerk eingespannt. Es gibt also doch auf den Philippinen Gegenden, in denen auch die verbleibende Mehrheit jenseits einer kleinen Oberschicht, der es ohnehin an nichts mangelt, ein angenehmes, selbstbestimmtes und halbwegs zufriedenes Leben in relativem Wohlstand führen kann. Zumindest dort, wo Menschen wie ich dazu bereit sind, entsprechende Preise zu bezahlen.
Während ich die neuen Eindrücke aus der von zahlungskräftigen Touristen bevorzugten Provinz auf mich wirken lasse, verhandelt July mit unserem Fahrer Dundon über seinen Arbeitsvertrag für den morgigen Tag. Sein Auftrag besteht darin, uns beide nach Ubay zu Julys Eltern zu bringen, um dann, ein bis zwei Stunden später, auf der Rückfahrt die berühmten Chocolate Hills, sowie die nicht weniger populären Koboldmakis, hier Tarsier genannt, und gegebenenfalls noch weitere auf dem Weg liegende Sehenswürdigkeiten anzusteuern. Kurz gesagt: Wir brauchen einen Fahrer samt Fahrzeug und Benzin für einen ganzen Tag. Kurz vor dem Erreichen unseres Resorts verkündet mir July sichtlich stolz das Ergebnis ihrer Bemühungen. Die zunächst aufgerufenen 5000 PHP habe sie auf 4000 PHP senken können. Ich konnte freilich die auf Cebuano geführten Verhandlungen nicht durchgängig verfolgen, bin aber spontan, noch immer angetan von den wohltuenden Ausblicken während der Fahrt, die meine Stimmung spürbar heben, sehr einverstanden mit diesem Resultat. Wenig später erinnere ich mich an Angebote im Internet für ganztägige Inseltouren, auf denen ebenfalls die gängigen Touristenziele abgeklappert werden, die meinem trüben Urlaubergedächtnis zufolge deutlich günstiger zu haben sein sollten. Zugegeben, bis zur östlichen Provinz Ubay ist es von Panglao etwa doppelt so weit wie zu den Schokoladenhügeln in der Nähe der Stadtgemeinde Carmen, der auf diesen Ausflügen entferntesten Station. Gleichwohl beschleicht mich unwillentlich der leise Verdacht, dass es sich bei dem zwischen July und Dundon vereinbarten Tarif nicht unbedingt um einen Freundschaftspreis handelt. Vielleicht sogar eher um eine besonders raffinierte Art des ,share my blessing'.
Die Ankunft am Alona Beach nehme ich zunächst als Anhäufung von Hotels, Restaurants, Kneipen, kleinen Läden und Bankfilialen mit Geldautomaten, irgendwo muss der Zaster ja herkommen, wahr. Im Zentrum dieser Verdichtung touristischer Infrastruktur führt ein von der Hauptstraße abzweigender, geschotterter Weg Richtung Küste, wie mir der Sonnenstand und mein durchaus passabler Orientierungssinn verraten. Nach etwa hundert Metern auf diesem Pfad kommt unser Taxi zum Stehen. Die Zufahrt zum Oasis Resort ist durch ein Tor verschlossen. Dessen Wächter, etwa 20 Jahre alt, mit schwarzer Hose und weißem Hemd samt amtlich wirkenden Aufnähern genauso uniformiert wie seine in Manila allgegenwärtigen Security-Kollegen, allerdings unbewaffnet, schläft. Seinen müden Kopf hat er auf dem Pult des links der Einfahrt schattenspendenden Wärterhäuschens abgelegt. Das knirschende Geräusch der auf dem kieseligen Untergrund abbremsenden Reifen weckt ihn auf. Nach kurzer Musterung des Fahrzeuginhalts kommt der Knabe zu der Überzeugung, das wir vertrauenswürdige Gäste sein könnten und öffnet das Tor. Nach wenigen weiteren Metern erreichen wir als Endstation einen kleinen Parkplatz und steigen aus. Dundon übernimmt Julys Koffer, ich den meinigen. Ein schmaler Fussweg, ebenfalls mit kleinen Steinchen belegt, was das lässige vor sich Herschieben unserer mit kleinen Rollen versehenen Gepäckstücke zu einer echten Herausforderung macht, führt direkt in das Zentrum der Anlage. In deren Mitte befindet sich ein etwa 50 Quadratmeter großer, sehr sauber und gepflegt wirkender Pool, umrahmt von sechs oder sieben mit kunstvoll zu Mustern verarbeitetem Bambusholz und getrockneten Palmwedeln verkleideten Bungalows, jeweils zwei Zimmer beherbergend. Rechts an diesem malerisch gelegenem Schwimmbecken vorbei geht es ein paar Treppenstufen hinauf zu einer freistehenden Bar, direkt daneben entdecken wir die Hotelrezeption. Weiter hinten auf dieser Anhöhe befindet sich das zwar überdachte, aber zu den Seiten offene Areal, auf dem das bereits im Preis inbegriffene Frühstück kredenzt werden würde. Freundlich werden wir von der jungen Empfangsdame begrüßt.
Nachdem ich per Unterschrift bestätigt habe, in dieser tropischen Oase der Ruhe und Entspannung drei Nächte mit meiner reizenden Begleitung verweilen zu wollen und auch am Ende bereit bin, dafür zu bezahlen, erhalten wir den Schlüssel mit der Nummer 13, passend für ein Zimmer in einer der direkt am Pool liegenden Hütten, wohin uns die nette Hotelangestellte begleitet. Wir verabschieden uns noch von unserem Fahrer Dundon, wobei ich bei der Gelegenheit den für die Fahrt hierher fälligen Obulus entrichte, und lassen uns dann unsere Behausung für die kommenden Nächte zeigen. Die Einrichtung ist resorttypisch einfach gehalten, aber gemütlich und gepflegt. Leider konnten wir nur noch ein Zimmer mit zwei Einzelbetten ergattern, was auch unsere Gastgeberin bedauert, nicht ohne uns mit einem wissenden Lächeln zu ermuntern, beide Betten doch einfach zusammen zu schieben. Sie wünscht uns noch einen schönen Aufenthalt und überläßt das glückliche Paar sich selbst. Dass wir der Empfehlung, die beiden Schlafstätten in eine zu verwandeln, sofort gefolgt sind, hält July für das entscheidende Signal, um körperliche Nähe zu suchen. Weil ich aber der Chef bin, wird daraus vorerst nichts. Wir wechseln lediglich das Schuhwerk, ab jetzt bekleiden Flip-Flops unsere Flossen, verlassen die Bude und schlendern händchenhaltend Richtung Strand. Links vorbei an erhöht liegender Bar, Rezeption und Frühstücksbereich erreichen wir nach ein paar Treppenstufen abwärts eine weitere, schlauchförmig angeordnete, sehr einladende Trinkstation. Auf der rechten Seite der Tresen mit einigen Barhockern, gegenüber loungeartige Sitzgruppen mit bequemen Sofas, am hinteren Ende direkt der palmengesäumte Strand. Es ist ganz einfach wunderschön hier.
Wir genießen den Moment, die paradiesische Umgebung, wandeln die Beachroad entlang, ein Fussweg direkt am Strand, an dem die benachbarten Resorts, Restaurants und Strandbars wie an einer Perlenkette aneinander gereiht liegen. July lacht sich noch kaputt über das Werbeplakat der Alien-Disko, die ihrer Ansicht nach extra für mich kürzlich eröffnet worden sei, dann entdecken wir eine ansteigende Schlaglochpiste, die direkt zu der erhöht liegenden Hauptstraße führt, über die wir vor wenigen Minuten unser Urlaubsdomizil erreicht haben. Oben angekommen, steuere ich zunächst einen Geldautomaten an, danach können wir uns dem Erwerb von Badehose und Bikini widmen. Während July schnell fündig wird, bleibe ich lange unschlüssig. Dass es Badeshorts in unterschiedlichen Farben, Formen und Mustern gibt, finde ich im Prinzip prima. Aber warum müssen sie samt und sonders in meinen Augen hässlich sein? Am Ende entscheide ich mich für ein Exemplar, das ich für das kleinste Übel halte, zur Entscheidung irgendwann auch deshalb gezwungen, weil es in dem Laden stickig heiss ist, und ich mittlerweile schwitze wie ein Schwein. Nach harten Verhandlungen löhne ich für unsere beiden Kleidungstücke 1000 PHP, und darf mir von July noch einmal versichern lassen, dass dieser Einkauf in Tagbilaran weniger als halb so teuer gewesen wäre.
Nach Erledigung der Pflicht, Shopping betrachte ich als solche, folgt die Kür. Abkühlung mit ein, zwei Bier an der gerade eben schon zu meinem Lieblingsort erkorenen Strandbar unseres Resorts, danach Erfrischung im Pool, die soeben erworbene Bademode einweihen. Der Klamottenladen, dessen brütender Hitze wir gerade entronnen sind, liegt nur wenige Meter vom One4daRoad entfernt, einem Hotel mit Restaurant und Bar, just an jener Stelle, wo der vorhin befahrene Schotterweg direkt zum Oasis Resort abzweigt. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, gleich hier für ein schnelles Getränk einzukehren. Aber diesmal ist der Pförtner hellwach, erkennt uns schon von Weitem und grüßt mit einem "Hello Ma'm, hello Sir", als wir das weit geöffnete Tor passieren und ohne Zwischenstopp bis zur Strandbar durchmaschieren. Man wird schnell heimisch hier am Alona Beach.
July nippt an ihrem Mangoshake, ich genieße erst eins und dann das zweite San Miguel. Schweigend aneinander gekuschelt beobachten wir die am Strandweg vorbei flanierenden Menschen, blicken auf das langsam in das Licht des späten Nachmittags eintauchende Postkartenmotiv, dass die bereits tief im Westen aus dem Blickfeld verschwindende Sonne, das kristallklare, behutsam vor sich hinrauschende Meer, die eigentümlich anmutenden, im flachen Wasser verankerten Bancas mit ihrem schmalen Rumpf und den charakteristischen Holzauslegern, der feinsandige, fast schneeweisse, blitzsaubere Strand und die einen majestätischen Rahmen in den Himmel malenden Palmen uns direkt an den Tisch servieren. Die Hauptsaison hat noch nicht begonnen, dementsprechend ruhig und entspannt gestaltet sich das Strandleben vor unseren Augen. Es ist so einer der Momente, die nie vorüber gehen dürften, als wir auf der Couch lümmelnd die restliche Welt vergessen.
@wolfskatze: Die Begegnung mit den Eltern findet ja erst morgen Mittag statt. Bis dahin kann noch viel passieren
@bluescreen: Ich wollte eigentlich noch heute den nächsten Abschnitt posten. Aber mein Laptop der Marke Uralt hat mir heute Nachmittag den letzten Nerv geraubt. Deshalb gibts die Fortsetzung erst morgen. Mein Arbeitsplatzrechner ist da deutlich besser in Schuss.
Weil Augenblicke nicht unendlich währen, erinnern wir uns an den Pool, der darauf wartet, von uns entjungfert zu werden. Deshalb traben wir nun zufrieden und gemächlich zurück zu unserer Hütte, begrüßen noch freundlich das unmittelbar neben uns logierende Paar aus Frankreich, dass sich mit zwei kleinen Kindern auf die Reise hierher gewagt hat. Dass July nicht im geringsten die Absicht hat, unserer minderjährigen Nachbarschaft durch gedämpfte Geräuschentwicklung bei weniger jugendfreiem Zeitvertreib Rechnung zu tragen, verdeutlicht sie durch entsprechende Laute, die sie unmittelbar nach dem wir die Tür hinter uns geschlossen haben breit grinsend von sich gibt. Sie fordert mich auf, ihr dazu auch konkreten Anlass zu geben, was ich erneut verweigere, so dass wir nur kurze Zeit später in geänderter Kleiderordnung hinaus treten können, um das zu diesem Zeitpunkt, es ist kurz nach halb fünf Uhr nachmittags, menschenleere Planschbecken zu entern. July bietet mir vorher noch an, ein Bier an der nur wenige Schritte entfernten Hotelbar direkt an der Rezeption zu organisieren, was ich dankend ablehne, hatte ich doch gerade schon zwei. Sie holt trotzdem eins, für sich selber, wie sie meint, was mich ein wenig wundert, trinkt sie sonst doch nie den eigentlich so leckeren Gerstensaft. Wir fühlen uns unbeobachtet, als wir zu zweit das kühle Nass in Wallung bringen. July schwimmt wie ein Fisch, ich als ehemaliger Rettungsschwimmer stehe ihr, auch wenn diese kurze Karriere bereits seit 20 Jahren beendet ist, in nichts nach. Ab und zu nuckeln wir abwechselnd an dem am Beckenrand abgestellten Kaltgetränk und tollen ansonsten herum wie kleine Kinder. Unvermeidlich kommen wir uns dabei näher. Vielleicht hätte ich die gerade auf dem Zimmer angebotenen Aktivitäten nicht verschmähen sollen. So aber bleibt es nicht aus, dass intensiver Körperkontakt oberhalb und unterhalb der Wasseroberfläche mich ernsthaft die Reissfestigkeit philippinischer Badetextilien testen lässt. July merkt das und legt nach. Als ich schließlich das Gefühl habe, jetzt auf allen Vieren jeden noch so trockenen Acker umpflügen zu können, stellt sie mir mit großen, mich eindringlich fixierenden Kulleraugen, um meinen Hals hängend wie ein Kuscheläffchen, eine Frage, die mich trifft, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ob wir nicht ihre Eltern und die zwei Kinder für eine Nacht in das Oasis Resort einladen könnten?
Ich bin nur halbwegs froh, mich in diesem Moment nicht selbst beobachtet haben zu müssen. Die Kinnlade fällt herunter wie ein Brett vom schlecht montierten IKEA-Regal, die Gesichtszüge entgleisen wie ein Güterzug bei falsch gestellter Weiche, das eben noch stolze Unterwassertorpedorohr mutiert zur weichgekochten Hörnchennudel, in diesem Garzustand nicht mal mehr als Suppeneinlage brauchbar. Ich ringe nach Luft und finde mit offenem Mund keine angemessene Antwort auf Julys Ansinnen. Sie setzt sofort zum Nachschuss an. Dass ihre Eltern und natürlich auch ihre Kinder noch nie in solch einem Urlauberresort gewesen wären, und wie sehr sie sich doch darüber freuen würden, dieses Paradies hier auch nur einmal selbst erleben zu können. Und wie toll es für sie als Mutter doch wäre, mit ihren Kleinen, die sie schon seit Monaten nicht gesehen hat, gemeinsam hier im Pool zu planschen, so wie wir in diesem Augenblick. Angesichts Julys ungespielter Begeisterung für ihre eigene Idee bringe ich ein konsequentes, knappes und spontanes "No" ganz einfach nicht über die Lippen. Ich taumele wie ein angeschlagener Boxer durch den Ring und versuche Zeit zu gewinnen. Ob denn überhaupt ein Zimmer frei wäre und falls ja, was dieses denn kosten würde, will ich wissen. Selbstverständlich wäre eine Unterkunft für Morgen verfügbar, und zwar zum selben Preis wie die unsrige, darüber habe sie sich gerade eben erst informiert. Wie aus der Pistole geschossen erhalte ich diese Auskunft, und so zerbricht in Windeseile der einzige Strohalm, an den ich mich gerade klammern kann. Wenigstens weiss ich jetzt, warum July vorhin partout ein Bier an der Bar direkt neben der Rezeption ordern wollte.
Natürlich könne ich völlig frei entscheiden, schließlich sei ich der Boss und außerdem sei es ja mein Urlaub. Schon mal gehört den Satz? Jetzt heißt es, kühlen Kopf zu bewahren und abzuwägen. Verweigere ich mich Julys sehnlichst vorgetragenem Wunsch mit dem Hinweis, dass ich zwar sehr flexibel bei meiner Urlaubsgestaltung sei, aber nicht vor habe, eine philippinische Großfamilie in den Schlepptau zu nehmen, wird sie mich ihre Enttäuschung gnadenlos spüren lassen, die Atmosphäre unseres gemeinsamen Aufenthalts am Alona Beach wäre entsprechend getrübt. Und wie würde sie mich morgen beim Lunch ihren Eltern vorstellen, dem ich ja unwiderruflich bereits zugestimmt habe? "Seht her, das ist der Alien, der mich die letzten drei Nächte gebumst hat. 800 Euro hat er investiert, um nach Manila zu fliegen. Am Ende seines Urlaubs wird er wahrscheinlich umgerechnet deutlich mehr als 100.000 PHP auf den Kopf gehauen haben. Nur für die paar tausend Peso, mit denen er euch, die Kinder und mich einen Tag lang glücklich machen könnte, dafür ist er zu geizig. Sorry, nächstes mal werde ich genauer hinschauen, bevor ich irgendeinem bescheuerten Touristen aufs Hotelzimmer folge." Will ich mir diese Blöße wirklich geben? Und überhaupt, fordert July nicht eigentlich nur das ein, was ihr zusteht, wenn auch auf ungewöhnliche Weise? Gewiss, diese verschleierte Form der Entrichtung ihres Hurenlohns verlangt mir deutlich mehr ab, als nur einen gewissen Geldbetrag von meiner Tasche in eine andere zu transferieren. Aber habe ich daran nicht selber Schuld? Oder wollte ich es gar, vielleicht unbewußt, ganz genau so haben? Habe ich mich nicht außerordentlich geschmeichelt gefühlt, als mich July am ersten Abend ins Hotel begleitet hat, ohne dass wir vorher unromantische Verhandlungen über den dafür fälligen Tarif geführt haben? Könnte ich mir nicht klammheimlich einbilden, dass ich die 2000 PHP in Julys neuen Koffer nur deshalb investiert habe, damit wir die Reise nach Bohol überhaupt antreten können, und nicht etwa dafür, dass sie für mich die Beine breit macht? Und das bißchen Cash, das ich für die Versorgung ihres in Manila verbliebenen Sohnes draufgelegt habe? Ist doch nichts weiter als eine gute Tat. Sie kann ja schlecht zu ihrem Jüngsten sagen: "Sorry, die nächsten Tage gibt's nichts zu Fressen, Mutti macht mal Urlaub."
Die Verschleierung der Wahrheit, vor mir und vor anderen, sie zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Urlaub. Von Anfang an. Warum habe ich mich für die Philippinen entschieden? Wäre ich nach Pattaya gereist, gäbe es kein Versteckspiel mehr. Dorthin geht niemand wegen Landschaft, Kultur oder Strand, zumindest kein alleinreisender Mann. Aber auf die Philippinen! Ein paar Fotos von tropischen Trauminseln auf dem Smartphone herumgereicht, schnell noch Boracay erwähnt, davon hat jeder schon mal gehört, schließlich ist der White Beach weltberühmt, und schon war ich aus dem Schneider. Nach Südostasien hauptsächlich deshalb, weil dort sexuelle Dienstleistungen erstaunlich preisgünstig angeboten werden? Ich doch nicht. Klar, sollte sich irgendeine Gelegenheit aufdrängen, sowie damals in Shanghai oder in Bangkok oder in Saigon, ich würde vermutlich nicht nein sagen, bin ja kein Kostverächter. Und auch nicht schwul oder impotent. Aber irgendwie, allen Hardcorestreifen im Kopfkino zum Trotz, will ich mich ja schon, in einer eigenartigen Mischung aus Feigheit, Hochmut und Eitelkeit, vom schnöden, abgestumpften, klischeebehafteten Sextouristen abgrenzen. Freud hätte seine helle Freude an mir. Der kleine Mephisto in meiner Hose empfiehlt mir Sonne, Suff und Weiber, zügellose Schweinereien, Paarung ohne Unterlaß. Doch kaum geht es an die Realisierung feuchter Tagträumereien, übernimmt die moralische Instanz das Kommando. Kein Wunder, dass July leichtes Spiel hatte, mich davon zu überzeugen, gemeinsam ihre Heimatinsel zu besuchen, anstatt sie vor die Tür zu setzen, alleine durch die Gogobars von Angeles City zu streunen und dabei täglich mehrfach wechselnd neue Feuchtgebiete zu ergründen. Zugegeben, das Tier in mir ist bei ihr in besten Händen, dementsprechend geschwächt beim Kampf um meine Gunst. Vor allem aber hat July mich durchschaut. Sie scheint genau zu wissen, dass ich den daheim Gebliebenen nur sehr ungern über Ladydrinks, Barfines und Longtimegebühren berichten würde, sondern dann doch lieber von meiner großherzigen Art, eine verarmte, philippinische Familie einen Tag und eine Nacht lang an meinem Luxus teilgehabt haben zu lassen. Auf die Verpackung kommt es an. Ich schaue July tief und fest in die Augen, setze ein gönnerhaftes Lächeln auf und sage zu ihr: "Ok Baby, but just for one night." Soviel Einschränkung muss sein.
July strahlt bis über beide Ohren, drückt mir einen dicken Schmatzer auf die Lippen, greift sich die mittlerweile geleerte SML-Flasche, um sie an der Bar wieder abzugeben, und lässt sich von mir noch einmal ausdrücklich bestätigen, dass sie bei dieser Gelegenheit das Zimmer für ihre Eltern samt den Zustellbetten für die Kinder verbindlich reservieren darf. Ich trotte derweil die wenigen Meter zurück in unser Domizil und fühle mich dabei ein kleines bißchen wie ein begossener Pudel.
Abends um halb acht sind wir mit einer Freundin Julys aus gemeinsamen Zeiten als Bargirl in Puerto Galera verabredet. Mein Einverständnis dazu hat sie sich schon heute Mittag auf dem Flug hierher eingeholt. Treffpunkt sollte das One4daRoad sein, wie mir July nun mitteilt. Wir wissen ja bereits, wo das liegt und vor allem, dass wir in wenigen Minuten zu Fuß dort sein würden. Es bleibt deshalb reichlich Zeit, um vorher an unserer Strandbar noch einen Aperitif zu uns zu nehmen. Gerade als wir uns es auf dem selben Sofa wie am Nachmittag gemütlich gemacht haben, setzt July an, mir erneut eine offenkundig wichtige und drängende Frage zu stellen. Sie druckst noch ein wenig herum, bevor sie den Mut fasst, ihr Anliegen kund zu tun, offenkundig fürchtet sie eine wenig erbauliche Reaktion meinerseits. Und sie sollte Recht behalten. Ihre Cousine würde morgen gerne auch mitkommen, was sehr praktisch sei, weil sie dann, was ihre Aufgabe zu Hause ebenfalls ist, auf die beiden Kinder aufpassen könne. Ich frage mich insgeheim, ob nicht Großeltern und Mutter genügen, um die zwei Bälger auf unserem Ausflug in Zaum zu halten. Mehrkosten würden mir keine entstehen, versucht July mir Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Cousine würde ebenfalls aufpreisfrei im Zimmer der Eltern schlafen können, habe sie bereits mit der Hotelchefin ausgehandelt. Lediglich ein eventuelles Frühstück sei extra zu zahlen, in diesem Fall würde sie, July, aber auf ihres verzichten. Werde jetzt nicht albern, meine Liebe, es geht nicht um die paar Euro, denke ich mir meinen Teil. Auch sei in Dundons Wagen genügend Platz für sechs Erwachsene und zwei kleine Kinder. Meine Güte, zur Not schnallen wir die Cousine halt auf das Dach, durchzuckt mich ein zynischer Gedanke. Ich schweige lange, bevor ich mit ernster Miene einen Monolog starte, in dem ich July klar machen will, warum ich in diesem Moment ein klein wenig über sie verärgert bin. Diese hinter meinem Rücken getroffenen Vereinbarungen mit dem Hotel. Dieses scheibchenweise Herausrücken ihrer Wünsche. Diese subtile Form von Erpressung, wenn sie mir zwar großzügig zugesteht, die Einladung an ihre Cousine ablehnen zu können, "you are the boss', mich aber gleichzeitig wissen läßt, meine Entscheidung direkt weiterleiten zu werden. Ganz einfach diese gewisse Dreistigkeit, mit der July ihre ja eigentlich nicht ganz unberechtigten Forderungen durchzusetzen versucht, verbunden mit dem unschönen Gefühl, dass gerne die Hand genommen wird, sobald ich den kleinen Finger reiche. Ich fürchte, July hat meine Einlassungen bestenfalls in Ansätzen verstanden. Jedenfalls schaut sie mich mit großen, leuchtenden Augen und einem leicht verlegenen, irgendwie aber auch schelmischen Grinsen an und meint: "Ok, no more surprises. I promise." Und schon ist die Cousine mit an Bord.
Meine Laune ist nicht die Allerbeste, als wir uns um halb Acht auf den Weg zum One4daRoad machen, um dort Julys Freundin zu treffen. Ein bißchen schwingt dabei das Gefühl mit, als nützlicher Idiot vornehmlich dafür zuständig zu sein, July ein umfassendes Meet and Greet mit ihren Freunden, Bekannten und Verwandten zu ermöglichen. Ihre Freundin hat seit geraumer Zeit ihre Karriere als Bargirl in Puerto Galera aufgegeben oder zumindest unterbrochen und lebt nun hier auf Panglao Island mit ihrem Boyfriend, einem Deutschen, zusammen. Eigentlich betreiben die beiden hier gemeinsam ein Restaurant, das allerdings derzeit wegen Renovierungsarbeiten und Problemen mit den örtlichen Behörden geschlossen ist. Das One4daRoad bietet sowohl philippinische als auch deutsche Küche, kein Wunder, wird es doch ebenfalls von einem Deutschen betrieben. July bestellt irgendetwas mit Pilzen, nach Krebsen ihre zweite Leibspeise, mich übermannt der Heißhunger auf Fleischkäse. Um uns herum versammeln sich zahlreiche Expats, Engländer, Australier, aber eben auch einige Deutsche. Das One4daRoad scheint ein beliebter Treffpunkt der hier gestrandeten Ausländer zu sein. Mir behagt die Gesellschaft, in die wir hier geraten sind, nicht richtig. Ich weiss in dem Moment nur noch nicht, was mich an diesen Leuten stört. Vielleicht ist es die Widersprüchlichkeit ihres Lebens in einem scheinbaren Paradies auf der einen Seite, und der unübersehbaren Neigung, die Langeweile durch intensiven Alkoholkonsum zu vertreiben, auf der anderen Seite? Ein etwas vorlauter Wortführer dieser hier nun versammelten Clique läutet die allabendliche Runde Killerpool ein. Jeder Teilnehmer hat drei Leben, der Reihe nach wird die Kugel gespielt, wer nicht versenkt, verliert eines davon. Wer kein Leben mehr sein eigen nennt, der scheidet aus. Der letzte Überlebende streicht die jeweils 20 PHP ein, die jeder der bereits verendeten Mitspieler anfangs als Spieleinsatz zu entrichten hatte. July schmückt als einzige weibliche Teilnehmerin die Schar derer, die von nun an um den Jackpot kämpfen. Sie schlägt sich wacker, auch wenn es ihr am Ende in keiner der gespielten Runden gelingt, als Sieger den Tisch zu verlassen. Artig trabt sie bei mir an, um sich vor jedem neuen Wettkampf den fälligen Einsatz abzuholen. Den gebe ich ihr natürlich gerne, es geht ja nur um eine Kleinigkeit. Aber genau das ist es, was mich ein wenig stutzig macht. Selbst für Kleinstbeträge ist July sich nicht zu schade, bei mir die Hand aufzuhalten. Es ist ja nicht so, dass sie völlig blank unterwegs ist. Das Wechselgeld, das übrig geblieben ist, als sie heute Mittag am Flughafen von Manila Snacks und Getränke für uns besorgt hat, durfte sie natürlich behalten. Von dem Betrag hätte sie vermutlich eine ganze Nacht Killerpool finanzieren können, daran kann es also nicht liegen.Als erniedrigend scheint sie die wiederkehrende Bettelei, anders kann man es kaum nennen, nicht zu empfinden. Im Gegenteil, man könnte fast annehmen, dass es sie mit einem gewissen Stolz erfüllt, allen Anwesenden zu verdeutlichen, mit mir eine materielle Komplettversorgung an ihrer Seite zu haben.
Während July beim Killerpool ihren Mann steht, komme ich ins Gespräch mit einem der nicht daran teilnehmenden Expats, nicht ohne Zufall ebenfalls ein Deutscher. Nach ein paar Tagen ausschließlicher Konversation in Englisch ist es ganz erfrischend, mal wieder ein paar Worte in der Muttersprache zu wechseln. Dass ich eine hübsche Freundin habe, macht er mir, aber natürlich vor allem July ein Kompliment. Ich pflichte ihm in seinem Urteil bei, allerdings nicht ohne die Einordnung als Freundin stirnrunzelnd zumindest ein wenig in Zweifel zu ziehen. Als langjährig Ortsansässiger durchschaut mein Gesprächspartner natürlich sofort die Situation und lässt mich großzügig an seinem geballten Expertenwissen und reichem Erfahrungsschatz teilhaben. Und so bringt er in knappen Worten die für mich bahnbrechende Erkenntnis auf den Punkt, dass man die Mädels zwar aus der Bar kriegen würde, nicht aber die Bar aus den Mädels. Ich wollte fast noch ergänzen, dass das, was am Anfang nichts kostet, am Ende meistens richtig teuer wird, ziehe es dann aber vor, mich dem Austausch von Plattitüden zu verweigern. Der ausgewanderte Phrasendrescher erzählt mir noch von seiner Motorbanca, mit der er Touristen zu ihren Tauchrevieren bringt oder die gängige Tour zum Dolphin Watching mit anschließendem Inselhopping anbietet. Er überläßt mir seine Visitenkarte und empfiehlt seine Dienste, die er mir, July und ihrer Familie gerne zu besonders günstigen Preisen zur Verfügung zu stellen würde. Annehmen werde ich sein Angebot ganz sicher nicht. Als Ausländer in einem vergleichsweise armen Land in ein Restaurant, eine Bar oder ähnlichem Geld zu investieren und damit nicht zuletzt einer Reihe von Mitarbeitern ihren Lebensunterhalt zu ermöglichen, das ist eine Sache. Eine gesicherte Existenz in Deutschland aufzugeben, um dann hier im vermeintlichen Paradies den Einheimischen ihren Broterwerb streitig zu machen, eine andere. Ich habe den Eindruck, dass zumindest ein Teil der hier lebenden Expats eine in meinen Augen reichlich fragwürdige Rolle spielen. Vielleicht ist es das, was mir die Gesellschaft hier im One4daRoad ein wenig unbehaglich erscheinen läßt.
Nach knapp zwei Stunden verlassen wir das One4daRoad, schließlich wollen wir nicht umsonst ans Meer gereist sein, und begeben uns an den Strand, der allabendlich in ein großes, hell erleuchtetes Open-Air-Restaurant verwandelt wird. Wir schlendern ein wenig am seichten Pazifikwasser entlang, machen in naher Nachbarschaft eine Cocktail-Pause, begeben uns aber auch schon bald wieder zurück zur heimischen Strandbar unseres Resorts. Der Tagesrhythmus am Alona Beach wird sehr stark durch die zahlreichen Taucher, die hier ihren Urlaub verbringen, geprägt. Weil die Freunde der Unterwasserwelt häufig früh morgens ihren ersten Tauchgang starten, ist das Nachtleben am Alona Beach eher von ruhiger Natur. Aber ein bis zwei Long Island Ice Tea sind für uns noch drin. Diesmal lassen wir uns nicht auf das Sofa fallen, sondern steuern die zwei verbliebenen freien Plätze an der Theke an. Rechts von mir lassen vier deutlich angetrunkene Holländer, ein paar Runden Jacky-Cola werden sie schon verputzt haben, lautstark den Tag ausklingen. Links von mir hat sich July sehr rasch mit den drei Engländerinnen ihres Alters angefreundet, die es nun ganz furchtbar toll und romantisch finden, dass wir morgen Julys Familie hier zu Besuch haben werden. Dass wir uns erst drei Tage kennen, ahnen sie natürlich nicht. Die Holländer zu meiner Rechten unterschiedlichsten Alters von Mitte zwanzig bis Ende vierzig sind des Tauchsports wegen hier. Um für den nächsten Tag gut gerüstet zu sein, verabschieden sie sich in der Reihe absteigenden Alters nach und nach, bis der Jüngste von ihnen, mittlerweile schwer angeschlagen, alleine übrig bleibt. Er gesellt sich zu uns und findet erkennbar Gefallen an den ebenfalls tauchenden Kolleginnen aus Großbritannien. So ist ein Gesprächsthema schnell gefunden und er startet seine Eroberungsversuche. Nicht zuletzt aufgrund seines Zustandes ist nur unschwer zu erraten, dass diese von Erfolglosigkeit auf ganzer Linie gekrönt sein würden. Aber ich amüsiere mich königlich über dieses Schauspiel, wird mir doch mit einem Schlag wieder klar, in welch komfortabler Lage ich mich befinde. Die Gruppe löst sich langsam auf, und alle begeben sich in die Richtung ihrer Schlafgemächer. Allerdings nur July und ich um das zu tun, wofür eine noch junge, warme tropische Nacht geradezu geschaffen ist.