Was inzwischen bekannt ist
Bei
Flydubai FZ1073, einer Boeing 737 MAX 8 von Dubai nach Tel Aviv, befanden sich nach Reuters
172 Personen an Bord, davon 169 israelische Staatsbürger. Die Maschine startete um 03:05 UTC.
Etwa zweieinhalb Stunden später kam es zu einem massiven Zwischenfall im Cockpit.
1. Das Flugzeug ging plötzlich in einen extremen Sinkflug
Die Flugdaten zeigen einen außergewöhnlichen Vorgang:
- Reiseflughöhe zunächst etwa 34.000 ft
- anschließend ein Sinkflug um ungefähr 14.000–17.000 ft in sehr kurzer Zeit
- zeitweise fiel die Maschine mit hoher Geschwindigkeit
- danach stabilisierte sich das Flugzeug wieder und sank weiter kontrolliert in Richtung Saudi-Arabien.
Reuters spricht von einem Absturz um mehr als
14.000 ft innerhalb von rund 30 Sekunden; andere Auswertungen kommen auf etwa 17.000 ft innerhalb von gut zwei Minuten, weil mehrere Sinkflugphasen zusammen betrachtet werden.
Das ist ein wichtiger Punkt:
Es handelte sich nicht einfach um einen normalen Notabstieg. Die Flugparameter passen zu dem inzwischen bekannt gewordenen Kampf im Cockpit.
2. Es kam tatsächlich zu einem körperlichen Angriff zwischen den Piloten
Hier hat sich die Informationslage entscheidend verändert.
Flydubai selbst bestätigt inzwischen ausdrücklich:
Es habe eine Auseinandersetzung im Cockpit gegeben.
Die Airline bestätigt außerdem, dass die Maschine anschließend von weiteren Flydubai-Piloten an Bord gesichert und nach Tabuk geflogen wurde. Die Airline betont allerdings weiterhin, dass
Motiv und genaue Hintergründe Gegenstand der Untersuchung sind.
Nach den übereinstimmenden Berichten von Reuters, israelischen Behörden und Passagieren geht die Geschichte aber wesentlich weiter:
Der Co-Pilot soll den Kapitän mit einem Messer angegriffen und verletzt haben.
Der verletzte Kapitän soll anschließend noch die Cockpittür geöffnet haben, woraufhin Passagiere und Besatzungsmitglieder in das Cockpit eindringen konnten. Dort überwältigten sie den Angreifer.
Reuters konnte inzwischen auch ein von einem Passagier aufgenommenes Video verifizieren, auf dem
zwei blutende Männer im vorderen Bereich der Maschine zu sehen sind. Einer wird als der angegriffene Pilot bezeichnet, der andere trägt die drei Streifen des Co-Piloten.
Das ist also inzwischen deutlich mehr als eine anonyme Medienmeldung.
3. Die Passagiere haben offenbar tatsächlich die Situation gerettet
Das ist vielleicht der bemerkenswerteste Teil des gesamten Vorgangs.
Als das Flugzeug plötzlich stark absank und die Passagiere vorne die Auseinandersetzung bemerkten, gingen mehrere Personen zum Cockpit.
Ein Passagier überwältigte den angreifenden Piloten.
Zusätzlich befanden sich
weitere Flydubai-Piloten als Reservecrew an Bord. Diese konnten anschließend die Kontrolle über die Maschine übernehmen und sie nach Tabuk fliegen.
Reuters berichtet außerdem von einem
britischen Piloten außerhalb des Dienstes, der sich unter den Helfern befand.
Damit ergibt sich ungefähr folgende Kette:
Angriff → Kapitän verletzt → Kontrollverlust/Sinkflug → Cockpittür wird geöffnet → Passagiere greifen ein → Angreifer überwältigt → Ersatzpiloten übernehmen → Maschine wird stabilisiert → Landung in Tabuk.
Das erklärt rückblickend auch die zunächst schwer verständlichen Flugverlaufsdaten.
4. Und damit bekommt auch der Transpondercode 7500 eine andere Bedeutung
Das war unser ursprünglicher Knackpunkt.
Zunächst sah es so aus:
7700 → 7500 → israelische Kampfjets → Umleitung
und man wusste nicht, warum.
Jetzt ergibt das wesentlich mehr Sinn.
7700 bedeutet allgemeiner Notfall.
7500 bedeutet „unlawful interference“, also eine widerrechtliche Einwirkung auf das Flugzeug – insbesondere Entführung.
Während des Vorfalls wurde tatsächlich
7500 gesetzt. Anschließend wechselte die Maschine wieder auf 7700 und landete in Saudi-Arabien.
Das war also offenbar
kein bloßer Fehlgriff am Transponder. Es gab tatsächlich einen massiven Eingriff in die Kontrolle des Flugzeugs.
5. Warum wurden israelische Kampfjets alarmiert?
Das war nach den damaligen Informationen vollkommen folgerichtig.
Eine Maschine mit Ziel Tel Aviv sendet 7500 und verhält sich gleichzeitig ungewöhnlich.
Für die israelische Luftverteidigung ist zunächst nicht erkennbar:
- Ist das eine Entführung?
- Gibt es einen terroristischen Angriff?
- Soll die Maschine möglicherweise nach Israel gebracht werden?
- Ist Israel selbst das Ziel?
Deshalb wurden israelische Kampfflugzeuge gestartet und gleichzeitig eine Krisenbesprechung mit Netanyahu und Verteidigungsminister Katz durchgeführt.
Erst später wurde klar, dass die Ursache
innerhalb des Cockpits lag.
6. Warum landete die Maschine ausgerechnet in Tabuk?
Das war ebenfalls kein Zufall.
Die Maschine befand sich bereits im beziehungsweise nahe dem saudischen Luftraum und benötigte einen Flughafen, den sie schnell und sicher erreichen konnte.
Der Flughafen Tabuk erhielt um etwa
08:44 Uhr Ortszeit den Notruf und bereitete eine Notlandung vor. Die Maschine landete dort gegen
09:45 Uhr Ortszeit.
Beide Piloten wurden verletzt und zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht. Die Passagiere blieben ansonsten offenbar unverletzt.
7. Was ist mit dem Motiv?
Das ist momentan der unsicherste Teil.
Hier sollte man sehr sauber zwischen verschiedenen Ebenen unterscheiden.
Israelische Sicherheitskreise gehen inzwischen offenbar von einem
gezielten Angriff aus.
Verteidigungsminister Israel Katz bezeichnete den Vorgang als einen
versuchten jihadistischen Terroranschlag und erklärte, das Ziel des Angreifers sei gewesen, das Flugzeug zum Absturz zu bringen.
Netanyahu äußerte ebenfalls, einer der Piloten habe den anderen niedergestochen und anschließend versucht, das Flugzeug zum Absturz zu bringen.
Aber: Das Motiv ist bislang nicht öffentlich geklärt.
Reuters schreibt ausdrücklich, dass die Airline vor voreiligen Schlussfolgerungen warnt und das Motiv weiterhin untersucht wird.
Deshalb würde ich derzeit
nicht sagen:
„Es war definitiv ein islamistischer Terroranschlag.“
Sondern:
Nach israelischer vorläufiger Einschätzung wird ein terroristisches Motiv untersucht bzw. inzwischen als wahrscheinlich angesehen; das Motiv ist öffentlich aber noch nicht abschließend belegt.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
8. Interessant ist auch die Nationalität der Piloten
Nach den derzeitigen Berichten war:
- der Kapitän Emirati
- der Co-Pilot Omaner
Der Co-Pilot soll erst seit weniger als einem Jahr für Flydubai gearbeitet haben.
Saudi-Arabien hat den mutmaßlichen Angreifer nach Angaben Netanyahus festgenommen und verhört.
Über sein persönliches Motiv, politische/religiöse Verbindungen oder einen konkreten Tatplan ist derzeit allerdings noch nichts Belastbares veröffentlicht.
9. Es gab offenbar auch Schäden am Flugzeug
Auf Bildern nach der Landung ist eine Beschädigung am
Seitenleitwerk/Ruderbereich zu erkennen.
Ein ehemaliger Leiter der israelischen Flugsicherheit beim Shin Bet erklärte gegenüber israelischen Medien, dass diese Beschädigung wahrscheinlich durch den extremen Sinkflug beziehungsweise die dabei auftretenden Belastungen entstanden sein könnte und nicht durch einen Beschuss von außen.
Das passt wiederum zum inzwischen bekannten Ablauf.
10. Was passierte anschließend mit den Passagieren?
Die Passagiere mussten zunächst in Tabuk bleiben.
Flydubai stellte anschließend
Ersatzflugzeuge bereit. Die Passagiere wurden noch am selben Tag nach Israel zurückgebracht; laut Guardian erfolgte die Rückkehr ungefähr acht Stunden nach der Notlandung.
Die Airline bestätigte außerdem, dass sie zwei Ersatzflugzeuge nach Tabuk geschickt hat.
Und damit würde ich unsere ursprüngliche Einschätzung korrigieren
Wir hatten heute Morgen noch:
„Gewalttätige Auseinandersetzung an Bord, möglicherweise Pilotenstreit; Entführung ausgeschlossen.“
Das war aufgrund der damaligen Informationslage vernünftig, ist aber
inzwischen überholt.
Der derzeitige Erkenntnisstand sieht vielmehr so aus:
FZ1073
→ normaler Start in Dubai
→ Reiseflug
→ massiver Sinkflug
→ gewaltsamer Angriff im Cockpit
→ Kapitän schwer verletzt
→ 7700
→ 7500
→ israelische Abfangjäger starten
→ Passagiere/Besatzung überwältigen den Angreifer
→ Ersatzpiloten übernehmen
→ Flugzeug wird stabilisiert
→ Umleitung nach Tabuk
→ sichere Landung
→ beide ursprünglichen Piloten im Krankenhaus
→ mutmaßlicher Angreifer von saudischen Behörden festgesetzt
→ Passagiere später mit Ersatzflugzeug nach Israel.
Was für mich dabei noch offen bleibt
Es gibt
vier Fragen, bei denen ich momentan bewusst noch keine endgültige Aussage machen würde:
- Warum griff der Co-Pilot den Kapitän an?
- War der Angriff von Anfang an als Selbstmord-/Absturzattacke geplant?
- Warum bzw. von wem wurde genau der Code 7500 gesetzt?
- Handelt es sich tatsächlich um einen terroristisch motivierten Angriff oder um eine andere Ursache?
Gerade
Nr. 4 ist der Punkt, bei dem israelische Regierungsvertreter und die Airline derzeit unterschiedliche Grade an Gewissheit vermitteln: Israel spricht bereits von einem möglichen bzw. wahrscheinlichen Terrorakt, während Flydubai ausdrücklich sagt, dass
Motiv und Hintergründe noch untersucht werden.
Der wirklich bemerkenswerte Erkenntnisgewinn gegenüber heute Morgen ist aber: Es war offenbar tatsächlich ein lebensgefährlicher Angriff im Cockpit und keineswegs lediglich ein „Fehlalarm“. Die Passagiere und die zufällig mitfliegenden Ersatzpiloten haben dabei vermutlich verhindert, dass aus dem Vorfall eine Katastrophe wurde.