traveler85
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Bonusmaterial
Als Ilaya vor mir stand, sagte keiner von uns sofort etwas. Es brauchte kein Wort. Nur diesen Moment, in dem Nähe nicht erklärt, sondern gespürt wird.
Sie legte den Rucksack ab, zog die Sonnenbrille aus dem Haar und sah mich an, als wollte sie sich vergewissern, dass ich wirklich da bin. Dann grinste sie leicht. Wir setzten uns auf die Stufen des Bungalows, Seite an Seite, die Knie berührten sich.
„Du siehst ein bisschen aus wie jemand, der zu lange allein war.“
Ich grinste.
„Und du wie jemand, der das genießt, mir das zu sagen.“
„Vielleicht.“ Sie drehte sich leicht zu mir. „Aber wirklich... irgendwas ist anders.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Sonnenbrand, müder Blick, wilder Bart – such dir was aus.“
„Hm.“ Sie ließ den Blick an mir entlanggleiten. „Ich glaub, es steht dir.“
Ich hob eine Augenbraue.
„Das müde, aber mysteriöse?“
„Das Unterwegs-Gewesene.“
Ich lachte. „Fair. Und du siehst aus, als würdest du gleich das Interview führen.“
Sie lachte mit – dann meinte sie: „Erzähl mir alles. Ich will wissen, was du gesehen hast und wichtiger wie es war, da draußen.“
Also erzählte ich. Von nebligen Bergpässen am frühen Morgen, von Reisfeldern, die sich wie grüne Teppiche über die Hügel legten. Von dem Gefühl, dass Zeit auf dem Roller plötzlich keinen Wert mehr hat, weil nur noch das Dazwischen zählt. Ich sprach von einem Dorf, das aussah wie gemalt, von einem Sonnenuntergang über Ban Rak Thai, bei dem ich für einen Moment dachte, es müsste jetzt eigentlich Musik einsetzen. Episch, versteht sich.
Sie hörte zu, so richtig. Nicht mit einem halben Ohr, nicht aus Pflicht – sondern, als würde sie mit mir mitfahren, Kurve für Kurve.
Manchmal fragte sie dazwischen, manchmal ergänzte sie Gedanken, die ich noch nicht ganz zu Ende gedacht hatte.
Und ich merkte: Ich hatte diese Gespräche vermisst. Dieses Miteinander-Denken. Dieses Gefühl, dass Worte bei ihr nicht im Nichts landen, sondern Wurzeln schlagen.
Sie zog die Knie an und stützte das Kinn darauf.
„Und? Hast du mich vermisst?“
Ich lehnte mich zurück, ließ den Blick schweifen.
„So wie man manchmal plötzlich Lust auf Mango hat. Ohne zu wissen, warum. Und dann merkt: Ah, genau. Weil sie einem fehlt.“
Sie lachte leise.
„Jetzt werde ich mit Obst verglichen?“
„Exotisch, süß, schwer zu schälen.“
Sie boxte mir sanft gegen die Schulter.
„Du machst es einem nicht leicht.“
Ich lächelte. „Vielleicht soll man mich auch nicht zu leicht kriegen.“
„Zu spät.“
Sie sah mich an, ein bisschen zu lange, ein bisschen zu direkt.
Dann lehnte sie sich an mich, ganz selbstverständlich, als hätte ihr Körper mich schon längst wiedererkannt.
Dann flüsterte sie:
„Ich will alles hören. Erzähl mir mehr vom Loop.“
Ich sah sie an. „Das wird dauern.“
„Ich hab Zeit.“
Ich erzählte mehr.
Nicht chronologisch, nicht wie ein Bericht. Mehr wie ein loser Faden, der sich beim Sprechen von selbst entrollt. Von Begegnungen mit Menschen, die mir ein Lächeln schenkten, ohne zu wissen, wer ich bin. Von Momenten in kleinen Garküchen, wo der Rauch in den Augen brannte und das Essen schmeckte, als hätte jemand all seine Erinnerungen darin verkocht.
Von einem Morgen, an dem ich um fünf aufgewacht bin, weil die Hähne sich gegenseitig angeschrien haben, und ich plötzlich wusste: Ich bin weit weg – aber genau richtig.
„Und warst du einsam?“, fragte sie leise, ohne mich anzusehen.
Ich überlegte.
„Manchmal. Aber es war die gute Art von Einsamkeit. Die, bei der man sich nicht verliert, sondern wiederfindet.“
Sie nickte, langsam. Dann zog sie ein kleines Notizbuch aus dem Rucksack, zerfleddert, mit Eselsohren und einem Gummiband, das nicht mehr spannte.
„Ich hab auch geschrieben“, sagte sie. „Nicht viel. Nur Fetzen. Gedanken. Sachen, die ich dir sagen wollte, aber nicht in eine Nachricht passten.“
Sie blätterte, dann hielt sie kurz inne.
„Willst du was hören?“
Ich nickte.
Sie las vor.
Ein paar Zeilen nur. Über Sehnsucht, die keine Worte braucht. Über die Art, wie Orte nach Menschen riechen können. Und über das Gefühl, jemanden zu vermissen, den man noch nie wirklich besessen hat.
Ich sah sie an.
„Du schreibst schöner als ich rede.“
„Dann hör auf zu reden und küss mich endlich“, sagte sie – nicht wie eine Aufforderung, sondern wie eine Feststellung.
Ich hob eine Augenbraue.
„Jetzt schon? Ich hatte noch mindestens drei poetische Sätze vorbereitet.“
„Die kannst du später recyceln.“
„Ich dachte, du magst mein Gerede.“
„Tu ich. Aber dein Mund interessiert mich gerade aus anderen Gründen.“
Ich tat, als würde ich überlegen. Deutlich zu lang.
Sie sah mich an, schüttelte den Kopf, kam näher.
„Weißt du was? Ich nehm’s selbst in die Hand.“
Und das tat sie auch. Ohne zu zögern.
Kein zartes Herantasten, kein inszeniertes Innehalten.
Ein Kuss, wie sie war: direkt, warm, lebendig.
Es schmeckte wirklich ein bisschen nach Mango.
Nicht nach Salz und Sehnsucht, wie man’s aus Liedern kennt.
Sondern fruchtig. Warm. Wie etwas, das man sich lange vorgestellt hat – und das dann überraschend besser ist als die Vorstellung selbst. Ich spürte ihre Finger an meinem Nacken, leicht, fast forsch – und wie sie sich kurz in mein Shirt krallten, als hätte sie sich vorgenommen, mich nicht mehr gehen zu lassen.
Als sich unsere Lippen lösten, waren ihre Augen dunkler als zuvor.
„Wird das jetzt ein Teil deiner Erzählung vom Loop?“, flüsterte sie, Stirn an Stirn mit mir.
„Bonusmaterial“, sagte ich, meine Hand noch in ihrem Haar.
„Dann will ich das ganze Album.“
Und diesmal war ich es, der sie küsste. Langsamer. Mit allem, was wir nicht gesagt hatten. Und einem Versprechen, das nur Lippen geben können.
Danach saßen wir noch eine Weile auf der Treppe.
Nicht mehr ganz Seite an Seite, sondern ein bisschen ineinander verschoben – ihre Schulter an meiner, meine Hand an ihrer Hüfte, als würde sie da einfach hingehören. Die Welt um uns wurde langsam dunkler, aber zwischen uns war noch Licht. Kein großes Feuerwerk, eher dieses warme Glimmen, das bleibt, wenn alles gesagt ist – oder für einen Moment nicht mehr gesagt werden muss.
Ein paar Minuten lang sagten wir gar nichts. Nur der Wind ging durchs Gras, irgendwo zirpte etwas, das klang, als hätte es den Sommer verschluckt.
Dann seufzte sie leise.
„Du hättest mir früher schreiben können.“
Ich nickte.
„Warum hast du’s nicht getan?“
Ich überlegte.
„Weil ich dachte, ich müsste erst bei mir ankommen, bevor ich wieder bei dir sein kann.“
Sie sah mich an, prüfend – nicht vorwurfsvoll, eher als würde sie nach einem Echo in sich selbst suchen.
„Und bist du’s jetzt? Angekommen?“
„Vielleicht noch nicht ganz. Aber du bist definitiv ein Teil davon.“
Sie schwieg, aber ich sah, wie der Satz bei ihr ankam. Nicht als großes Versprechen, sondern als etwas Echtes. Ehrliches.
Dann stand sie auf, streckte sich, drehte sich kurz zu mir um.
„Ich brauch ’ne Dusche. Ich fühl mich an wie mein Rucksack – viel erlebt, aber ziemlich durch.“
Ich lachte.
„Mach das. Ich wart hier und halt Wache vor wilden Affen.“
„Tapfer.“ Sie grinste. „Danach zeig ich dir, was ich unterwegs gelernt hab.“
„Was denn?“
„Später. Ist ’ne Überraschung.“
Sie ging ein paar Schritte, barfuß über den warmen Holzplanken. Dann drehte sie sich noch mal um.
„Und übrigens...“
„Ja?“
„Der Kuss war besser als Mango.“
Ich grinste.
„Kommt drauf an, wie reif die Mango ist.“
Sie lachte. Dann verschwand sie im Inneren des Bungalows.
Und ich blieb da sitzen – mit dem Gefühl, dass der Loop vielleicht doch noch eine Schleife für uns bereithält.
Als Ilaya vor mir stand, sagte keiner von uns sofort etwas. Es brauchte kein Wort. Nur diesen Moment, in dem Nähe nicht erklärt, sondern gespürt wird.
Sie legte den Rucksack ab, zog die Sonnenbrille aus dem Haar und sah mich an, als wollte sie sich vergewissern, dass ich wirklich da bin. Dann grinste sie leicht. Wir setzten uns auf die Stufen des Bungalows, Seite an Seite, die Knie berührten sich.
„Du siehst ein bisschen aus wie jemand, der zu lange allein war.“
Ich grinste.
„Und du wie jemand, der das genießt, mir das zu sagen.“
„Vielleicht.“ Sie drehte sich leicht zu mir. „Aber wirklich... irgendwas ist anders.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Sonnenbrand, müder Blick, wilder Bart – such dir was aus.“
„Hm.“ Sie ließ den Blick an mir entlanggleiten. „Ich glaub, es steht dir.“
Ich hob eine Augenbraue.
„Das müde, aber mysteriöse?“
„Das Unterwegs-Gewesene.“
Ich lachte. „Fair. Und du siehst aus, als würdest du gleich das Interview führen.“
Sie lachte mit – dann meinte sie: „Erzähl mir alles. Ich will wissen, was du gesehen hast und wichtiger wie es war, da draußen.“
Also erzählte ich. Von nebligen Bergpässen am frühen Morgen, von Reisfeldern, die sich wie grüne Teppiche über die Hügel legten. Von dem Gefühl, dass Zeit auf dem Roller plötzlich keinen Wert mehr hat, weil nur noch das Dazwischen zählt. Ich sprach von einem Dorf, das aussah wie gemalt, von einem Sonnenuntergang über Ban Rak Thai, bei dem ich für einen Moment dachte, es müsste jetzt eigentlich Musik einsetzen. Episch, versteht sich.
Sie hörte zu, so richtig. Nicht mit einem halben Ohr, nicht aus Pflicht – sondern, als würde sie mit mir mitfahren, Kurve für Kurve.
Manchmal fragte sie dazwischen, manchmal ergänzte sie Gedanken, die ich noch nicht ganz zu Ende gedacht hatte.
Und ich merkte: Ich hatte diese Gespräche vermisst. Dieses Miteinander-Denken. Dieses Gefühl, dass Worte bei ihr nicht im Nichts landen, sondern Wurzeln schlagen.
Sie zog die Knie an und stützte das Kinn darauf.
„Und? Hast du mich vermisst?“
Ich lehnte mich zurück, ließ den Blick schweifen.
„So wie man manchmal plötzlich Lust auf Mango hat. Ohne zu wissen, warum. Und dann merkt: Ah, genau. Weil sie einem fehlt.“
Sie lachte leise.
„Jetzt werde ich mit Obst verglichen?“
„Exotisch, süß, schwer zu schälen.“
Sie boxte mir sanft gegen die Schulter.
„Du machst es einem nicht leicht.“
Ich lächelte. „Vielleicht soll man mich auch nicht zu leicht kriegen.“
„Zu spät.“
Sie sah mich an, ein bisschen zu lange, ein bisschen zu direkt.
Dann lehnte sie sich an mich, ganz selbstverständlich, als hätte ihr Körper mich schon längst wiedererkannt.
Dann flüsterte sie:
„Ich will alles hören. Erzähl mir mehr vom Loop.“
Ich sah sie an. „Das wird dauern.“
„Ich hab Zeit.“
Ich erzählte mehr.
Nicht chronologisch, nicht wie ein Bericht. Mehr wie ein loser Faden, der sich beim Sprechen von selbst entrollt. Von Begegnungen mit Menschen, die mir ein Lächeln schenkten, ohne zu wissen, wer ich bin. Von Momenten in kleinen Garküchen, wo der Rauch in den Augen brannte und das Essen schmeckte, als hätte jemand all seine Erinnerungen darin verkocht.
Von einem Morgen, an dem ich um fünf aufgewacht bin, weil die Hähne sich gegenseitig angeschrien haben, und ich plötzlich wusste: Ich bin weit weg – aber genau richtig.
„Und warst du einsam?“, fragte sie leise, ohne mich anzusehen.
Ich überlegte.
„Manchmal. Aber es war die gute Art von Einsamkeit. Die, bei der man sich nicht verliert, sondern wiederfindet.“
Sie nickte, langsam. Dann zog sie ein kleines Notizbuch aus dem Rucksack, zerfleddert, mit Eselsohren und einem Gummiband, das nicht mehr spannte.
„Ich hab auch geschrieben“, sagte sie. „Nicht viel. Nur Fetzen. Gedanken. Sachen, die ich dir sagen wollte, aber nicht in eine Nachricht passten.“
Sie blätterte, dann hielt sie kurz inne.
„Willst du was hören?“
Ich nickte.
Sie las vor.
Ein paar Zeilen nur. Über Sehnsucht, die keine Worte braucht. Über die Art, wie Orte nach Menschen riechen können. Und über das Gefühl, jemanden zu vermissen, den man noch nie wirklich besessen hat.
Ich sah sie an.
„Du schreibst schöner als ich rede.“
„Dann hör auf zu reden und küss mich endlich“, sagte sie – nicht wie eine Aufforderung, sondern wie eine Feststellung.
Ich hob eine Augenbraue.
„Jetzt schon? Ich hatte noch mindestens drei poetische Sätze vorbereitet.“
„Die kannst du später recyceln.“
„Ich dachte, du magst mein Gerede.“
„Tu ich. Aber dein Mund interessiert mich gerade aus anderen Gründen.“
Ich tat, als würde ich überlegen. Deutlich zu lang.
Sie sah mich an, schüttelte den Kopf, kam näher.
„Weißt du was? Ich nehm’s selbst in die Hand.“
Und das tat sie auch. Ohne zu zögern.
Kein zartes Herantasten, kein inszeniertes Innehalten.
Ein Kuss, wie sie war: direkt, warm, lebendig.
Es schmeckte wirklich ein bisschen nach Mango.
Nicht nach Salz und Sehnsucht, wie man’s aus Liedern kennt.
Sondern fruchtig. Warm. Wie etwas, das man sich lange vorgestellt hat – und das dann überraschend besser ist als die Vorstellung selbst. Ich spürte ihre Finger an meinem Nacken, leicht, fast forsch – und wie sie sich kurz in mein Shirt krallten, als hätte sie sich vorgenommen, mich nicht mehr gehen zu lassen.
Als sich unsere Lippen lösten, waren ihre Augen dunkler als zuvor.
„Wird das jetzt ein Teil deiner Erzählung vom Loop?“, flüsterte sie, Stirn an Stirn mit mir.
„Bonusmaterial“, sagte ich, meine Hand noch in ihrem Haar.
„Dann will ich das ganze Album.“
Und diesmal war ich es, der sie küsste. Langsamer. Mit allem, was wir nicht gesagt hatten. Und einem Versprechen, das nur Lippen geben können.
Danach saßen wir noch eine Weile auf der Treppe.
Nicht mehr ganz Seite an Seite, sondern ein bisschen ineinander verschoben – ihre Schulter an meiner, meine Hand an ihrer Hüfte, als würde sie da einfach hingehören. Die Welt um uns wurde langsam dunkler, aber zwischen uns war noch Licht. Kein großes Feuerwerk, eher dieses warme Glimmen, das bleibt, wenn alles gesagt ist – oder für einen Moment nicht mehr gesagt werden muss.
Ein paar Minuten lang sagten wir gar nichts. Nur der Wind ging durchs Gras, irgendwo zirpte etwas, das klang, als hätte es den Sommer verschluckt.
Dann seufzte sie leise.
„Du hättest mir früher schreiben können.“
Ich nickte.
„Warum hast du’s nicht getan?“
Ich überlegte.
„Weil ich dachte, ich müsste erst bei mir ankommen, bevor ich wieder bei dir sein kann.“
Sie sah mich an, prüfend – nicht vorwurfsvoll, eher als würde sie nach einem Echo in sich selbst suchen.
„Und bist du’s jetzt? Angekommen?“
„Vielleicht noch nicht ganz. Aber du bist definitiv ein Teil davon.“
Sie schwieg, aber ich sah, wie der Satz bei ihr ankam. Nicht als großes Versprechen, sondern als etwas Echtes. Ehrliches.
Dann stand sie auf, streckte sich, drehte sich kurz zu mir um.
„Ich brauch ’ne Dusche. Ich fühl mich an wie mein Rucksack – viel erlebt, aber ziemlich durch.“
Ich lachte.
„Mach das. Ich wart hier und halt Wache vor wilden Affen.“
„Tapfer.“ Sie grinste. „Danach zeig ich dir, was ich unterwegs gelernt hab.“
„Was denn?“
„Später. Ist ’ne Überraschung.“
Sie ging ein paar Schritte, barfuß über den warmen Holzplanken. Dann drehte sie sich noch mal um.
„Und übrigens...“
„Ja?“
„Der Kuss war besser als Mango.“
Ich grinste.
„Kommt drauf an, wie reif die Mango ist.“
Sie lachte. Dann verschwand sie im Inneren des Bungalows.
Und ich blieb da sitzen – mit dem Gefühl, dass der Loop vielleicht doch noch eine Schleife für uns bereithält.