Ich habe mir die verfügbaren Berichte angesehen. Auffällig ist sofort, dass viele deutschsprachige Medien den Bericht von
aeroTELEGRAPH praktisch unverändert übernommen haben, während Boulevardmedien die emotionalsten Passagen (»Panik«, »10 Stunden eingesperrt«, »Menschen kollabieren«) zusätzlich zugespitzt haben.
Aus den bisher belastbaren Informationen ergibt sich folgende Chronologie:
1. Der Flug verläuft zunächst völlig normal
- Emirates-Flug EK302 startet in Dubai mit Ziel Shanghai Pudong.
- Eingesetzt wird ein Airbus A380 (Kennzeichen A6-EDV).
- An Bord befinden sich 373 Passagiere.
2. Gewitter über Shanghai
Kurz vor der geplanten Landung herrschen über Shanghai schwere Gewitter mit Starkregen. Der Anflug kann nicht sicher durchgeführt werden.
Bewertung:
Das ist ein völlig normaler Vorgang. Wetter ist weltweit einer der häufigsten Gründe für Ausweichlandungen.
3. Ausweichlandung in Hangzhou
Die Crew entscheidet sich zur Ausweichlandung auf dem rund 170 km entfernten Flughafen Hangzhou.
Der A380 landet dort sicher gegen
21 Uhr Ortszeit.
Bewertung:
Aus flugbetrieblicher Sicht ist bis hierhin alles mustergültig.
4. Entscheidung: Passagiere bleiben an Bord
Man geht zunächst davon aus, dass sich das Wetter in Shanghai relativ schnell bessern wird.
Deshalb:
- bleiben die Passagiere sitzen,
- Gepäck bleibt verladen,
- der Flug soll möglichst bald weitergehen.
Das ist der erste kritische organisatorische Punkt.
Aus Sicht der Einsatzleitung ist diese Entscheidung nachvollziehbar:
Wenn die Wetterbesserung nach 30–60 Minuten eintritt, wäre ein Aussteigen der Passagiere wesentlich aufwendiger gewesen als einfach weiterzufliegen.
Das Problem war:
Die Wetterlage besserte sich eben nicht.
5. Crew erreicht Dienstzeitgrenze
Während das Flugzeug wartet, läuft die gesetzlich zulässige Dienstzeit der Cockpit- und Kabinenbesatzung ab.
Nach den internationalen Vorschriften dürfen Piloten und Flugbegleiter ihre maximale Dienstzeit nicht überschreiten.
Die ursprüngliche Crew darf deshalb den Flug nicht mehr fortsetzen.
Wichtig:
Das ist keine bürokratische Schikane.
Diese Vorschriften existieren, um Übermüdung zu verhindern.
6. Ersatzcrew wird organisiert
Emirates schickt eine Ersatzcrew aus Shanghai nach Hangzhou.
Nun tritt der zweite äußere Faktor auf:
Die gleichen Unwetter, die bereits den Flug verhindert hatten, verzögern auch den Transport der Ersatzbesatzung erheblich.
Damit beginnt eine klassische Kettenreaktion.
7. Klimaanlage fällt aus
Im Laufe der Nacht kommt offenbar ein weiterer Faktor hinzu:
Die Klimatisierung funktioniert nicht mehr ausreichend.
Das ist technisch durchaus plausibel.
Ein A380 besitzt zwar leistungsfähige Klimaanlagen, diese beziehen ihre Energie jedoch normalerweise
- von den Triebwerken,
- vom Hilfstriebwerk (APU),
- oder einer leistungsfähigen Bodenversorgung.
Steht ein Großraumflugzeug viele Stunden am Boden, können verschiedene betriebliche Einschränkungen auftreten:
- begrenzte Bodenversorgung,
- Vorgaben zum Betrieb der APU,
- technische Probleme.
Nach den bisherigen Informationen kam zusätzlich tatsächlich noch ein technischer Defekt hinzu.
8. Medizinische Zwischenfälle
Mit steigender Temperatur und stundenlangem Warten berichten Passagiere über
- Kreislaufprobleme,
- Unwohlsein,
- mindestens eine kollabierte Person.
Rettungskräfte erscheinen am Flugzeug.
9. Ersatzcrew trifft ein
Gegen vier Uhr morgens erreicht die neue Crew das Flugzeug.
Die Triebwerke werden erneut gestartet.
Jetzt scheint der Flug doch noch fortgesetzt werden zu können.
10. Technischer Defekt verhindert den Weiterflug
Kurz darauf tritt ein weiterer technischer Defekt auf.
Das Flugzeug wird endgültig aus dem Verkehr genommen.
Der Flug wird annulliert.
Erst jetzt dürfen sämtliche Passagiere aussteigen und werden später weiterbefördert oder untergebracht.
Analyse der Ursachen
Aus meiner Sicht handelt es sich
nicht um eine einzelne Panne, sondern um eine Verkettung mehrerer voneinander unabhängiger Ereignisse:
| Faktor | Verantwortlichkeit |
|---|
| Gewitter in Shanghai | höhere Gewalt |
| Ausweichlandung | richtige Entscheidung |
| Passagiere an Bord gelassen | organisatorische Risikoentscheidung |
| Dienstzeit der Crew erreicht | gesetzliche Vorschrift |
| Ersatzcrew verspätet | Folge des Unwetters |
| Klimaprobleme | technischer bzw. betrieblicher Faktor |
| weiterer technischer Defekt | separates technisches Ereignis |
Was hätte man vermutlich anders machen können?
Der entscheidende Punkt liegt meines Erachtens
nicht bei der Ausweichlandung – die war richtig.
Kritischer ist die Entscheidung, die Passagiere an Bord zu lassen, obwohl die Dauer der Verzögerung zunehmend unklar wurde. Rückblickend wäre vermutlich ein früheres Aussteigen organisatorisch die bessere Lösung gewesen. Allerdings ist das eine Bewertung
im Nachhinein. Im operativen Flugbetrieb muss die Einsatzleitung Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen treffen.