So Leute, kommen wir mal zu gestern und damit zu Sweeties 36. Geburtstag. Wobei das mit dem Geburtstag hier ja so eine Sache ist. Ich kenne das noch von meiner Ex-Frau, bei der war es genau dasselbe. Irgendwann wurde bei der Registrierung ein Geburtsdatum eingetragen und fertig. Ob das tatsächlich der richtige Tag ist, weiß hinterher oft keiner mehr so genau. Auch Sweetie geht davon aus, dass ihr offizielles Geburtsdatum mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht stimmt. Aber es steht nun mal so in den Papieren und deshalb wird an diesem Tag Geburtstag gefeiert.
Wir standen morgens gegen 7 Uhr auf, machten uns schnell fertig und fuhren zum Markt. Der liegt zwar nur zwei bis vier Minuten Fußweg vom Hotel entfernt, aber da wir einiges einkaufen mussten, nahmen wir natürlich das Auto. Sweetie fragte mich, ob ich nicht einfach im Auto warten wolle, da sie alleine wesentlich schneller über den Markt kommen würde. Da hatte sie natürlich recht. Ich sagte ihr nur noch, dass sie bitte genügend einkaufen solle. Ich kenne sie mittlerweile gut genug und weiß, dass sie immer darauf achtet, möglichst wenig Geld auszugeben. Aber an ihrem Geburtstag sollte nun wirklich jeder satt werden und es sollte an nichts fehlen. Also verschwand sie auf dem Markt und kam ungefähr eine halbe Stunde später mit jeder Menge Tüten zurück. Fleisch, Muscheln, Garnelen und noch einiges mehr. Anschließend fuhr ich ein paar Meter weiter zu einem anderen Eingang des Marktes, wo ich zum Glück einen Parkplatz im Schatten fand. Sweetie verschwand erneut und kam kurze Zeit später mit einer ordentlichen Ladung Gemüse zurück.
Gegen 8 Uhr, vielleicht auch halb neun, waren wir wieder im Hotel. Wir frühstückten schnell etwas und ich ging noch unter die Dusche. Eigentlich wollten wir danach direkt zu ihrer Schwester fahren, aber plötzlich fiel Sweetie ein, dass die zwei Kilo Garnelen, die sie bereits gekauft hatte, möglicherweise doch nicht reichen würden. Also ging es noch einmal zurück zum Markt, um Nachschub zu besorgen. So viel zum Thema, dass ich ihr morgens noch gesagt hatte, sie solle bloß genügend einkaufen.

Nachdem auch das erledigt war, konnten wir endlich zum Haus ihrer Schwester fahren.
Dort herrschte bereits reges Treiben. Es wurde geschlachtet, geputzt, geschnibbelt und vorbereitet, was das Zeug hielt. Der Onkel und ich luden unsere Einkäufe aus dem Auto und die ganzen Lebensmittel wurden sofort verteilt und verarbeitet. Kurz darauf kam auch die Bekannte vom Vortag vorbei, bei der wir im Reisfeld die Welse gefangen hatten. Sie brachte ebenfalls einen Teil unseres Fangs mit. Unterwegs hatten Sweetie und ich außerdem noch einen riesigen Karpfen beziehungsweise eine ähnliche Fischart gekauft. An Essen sollte es also definitiv nicht mangeln.
Ich hätte natürlich gerne ein bisschen mitgeholfen, aber das durfte ich mal wieder nicht. Also spazierte ich etwas durch die Gegend, schaute ein bisschen auf Facebook herum und langweilte mich ehrlich gesagt zeitweise etwas. Irgendwann kam dann auch noch der Nai Ban vorbei und brachte drei frisch geschlachtete Hühner und eine Ente mit. Ein weiterer Bekannter, ein Thailänder, der hier in Laos lebt und Koch ist, war ebenfalls mit von der Partie. Und ich muss sagen, der Mann versteht sein Handwerk wirklich. Es wurde gekocht, was das Zeug hielt, und jeder hatte irgendeine Aufgabe. Nur ich nicht.
Irgendwann trudelten die ersten Gäste ein und damit wurde natürlich auch das erste Bier geöffnet. Die Stimmung war von Anfang an hervorragend. Jeder wollte mit mir anstoßen, jeder wollte sich mit mir unterhalten und alle waren unglaublich herzlich. Offenbar war ich tatsächlich der erste Farang, der in diesem Dorf zu Besuch war. Entsprechend groß war die Neugier. Gleichzeitig waren alle ständig darum bemüht, dass es mir auch wirklich an nichts fehlte. Hatte ich noch etwas zu trinken? Wollte ich etwas essen? War alles in Ordnung? Ging es mir gut? Diese Gastfreundschaft ist einfach unglaublich. Man wird sofort aufgenommen und behandelt, als würde man schon ewig dazugehören.
Als ich irgendwann das erste Bier für die Gäste aus dem neuen Kühlschrank holen wollte, stellte ich fest, dass das gute Stück immer noch nicht richtig kalt war. Dabei war er wohl schon drei oder vier Stunden vorher angeschlossen worden. Über die ganze Diskussion um den Kühlschrank hatte ich ja bereits berichtet. Später stellte ich dann links und rechts jeweils einen Ventilator auf und siehe da, am Abend kühlte er endlich ordentlich und lief deutlich besser. Manchmal sind die einfachsten Lösungen eben doch die besten.
Währenddessen wurde natürlich ununterbrochen weitergekocht. Obwohl die Gäste längst da waren und die Tische bereits voller Essen standen, wurden immer wieder neue Gerichte zubereitet und aufgetragen. Kaum war etwas aufgegessen, stand schon das nächste Essen auf dem Tisch. Und irgendwie wurde tatsächlich alles verputzt. Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen, wie viele verschiedene Gerichte es gab. Dazu floss natürlich reichlich Bier und irgendwann ging auch die Karaoke los. Jeder, der schon einmal eine solche Feier in Laos erlebt hat, weiß, was ich meine. Es wurde gesungen, gelacht, gegessen und getrunken, und das alles gleichzeitig.
Natürlich wollten irgendwann auch alle, dass ich ein Lied singe. Aber Karaoke ist nun wirklich nicht meine Welt. Da können sie mich noch so lange bearbeiten. Das Einzige, wozu ich mich schließlich überreden ließ, war ein Geburtstagsständchen für Sweetie. Ihre Tante hatte nämlich noch einen Geburtstagskuchen besorgt und als dieser hereingetragen wurde, fing ich an, „Happy Birthday“ zu singen. Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass alle anderen mitsingen würden. Pustekuchen! Ich stand da und sang ganz alleine. Also dachte ich mir, wenn schon, denn schon, und legte das Ganze anschließend noch einmal auf Deutsch nach. Alle freuten sich, klatschten und Sweetie strahlte über das ganze Gesicht. Also alles richtig gemacht.
Wir saßen übrigens seitlich neben dem Haus unter einer großen Überdachung. Zwischendurch regnete es einmal kurz, aber das störte niemanden. Die beiden Hunde waren während der Feier vor dem Haus an den Betonbänken angebunden worden. Ding Dong, wie ich den einen mittlerweile nenne, weil er einfach komplett durchgeknallt und gleichzeitig unglaublich lieb ist, ging natürlich wieder jedem auf die Nerven. Der andere, unser selbst ernannter Sicherheitschef, soll ja angeblich jeden beißen und durfte deshalb ebenfalls nicht frei herumlaufen.
Während der Sicherheitschef relativ entspannt vor dem Haus lag, veranstaltete Ding Dong ein Theater, als würde man ihn gerade umbringen. Er bellte, jaulte und quietschte ununterbrochen. Selbst gegen die Karaoke kam er irgendwann problemlos an.

Irgendwann erbarmte sich dann der Onkel und holte ihn wieder zu den anderen. Damit war endlich Ruhe und der Sicherheitschef lag alleine vor dem Haus.
Später schnappte ich mir einen Hundesnack und setzte mich ein bisschen zu ihm. Er freute sich natürlich riesig, bekam sein Leckerli und ließ sich anschließend ausgiebig kraulen. Irgendwann saß er ganz entspannt vor mir und genoss seine Streicheleinheiten. So weit, so gut.
Dann kam allerdings ein Bekannter der Familie vorbei, der mir offenbar erklären wollte, dass der Hund gefährlich sei und ich besser Abstand halten sollte. Zumindest habe ich das aus seinen Gesten und dem wenigen, was ich verstand, geschlossen.
Und genau in diesem Moment sah ich zum ersten Mal, dass an den Geschichten über den Hund wohl tatsächlich etwas dran ist.
Als sich der Bekannte näherte, veränderte sich das Verhalten des Hundes schlagartig. Er knurrte kurz und wollte dann plötzlich nach vorne schießen und zuschnappen. Da er direkt vor mir saß, konnte ich ihn gerade noch am Brustkorb festhalten und zurückhalten, sodass nichts passierte. Der Bekannte machte sich natürlich sofort aus dem Staub.
Da dachte ich mir dann auch: Okay, vielleicht ist der Hund doch nicht ganz so harmlos, wie ich bisher angenommen hatte.
Als ich später wieder zu den anderen zurückkam, übersetzte mir Sweetie, dass sich die Freunde der Familie völlig darüber wunderten, dass ich überhaupt zu dem Hund gehen konnte. Er hätte schon so viele von ihnen gebissen, dass sich mittlerweile praktisch niemand mehr in seine Nähe trauen würde.
Ich meinte zu Sweetie, dass wahrscheinlich auch noch keiner von ihnen vernünftig mit ihm gesprochen und ihm dabei ein Leckerli mitgebracht hätte.
Ihre Schwester erklärte daraufhin, der Hund hätte mich offenbar in die Familie aufgenommen.
Na gut, dann bin ich jetzt wohl offiziell auch Mitglied des Rudels.
Jedenfalls war das eine ganz lustige Geschichte. Wobei ich nach der Aktion mit dem Bekannten durchaus verstanden habe, warum die Familie bei diesem Hund vorsichtig ist. Mir gegenüber war er weiterhin absolut lieb, aber offenbar kann er bei anderen Menschen ziemlich schnell umschalten.
Die Feier ging munter weiter und irgendwann, gegen halb zwölf, bekam ich dann Kopfschmerzen. Ich fragte Sweetie, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn wir langsam zurück zum Hotel fahren würden. Sie war sofort einverstanden, da sie selbst auch gerne nach Hause wollte.
Jetzt begann allerdings die nächste Diskussion. Plötzlich wollte mich niemand mehr selbst fahren lassen. Ich fand das etwas übertrieben, da ich nach meinem Empfinden mit Abstand der Nüchternste in der Runde war. Aber gut, ich hatte natürlich auch Bier getrunken und so war es letztlich vernünftiger, das Steuer jemand anderem zu überlassen.
Also setzte sich der Onkel ans Steuer. Sweetie und ihre Schwester fuhren ebenfalls mit.
Damit war die Heimfahrt allerdings noch lange nicht erledigt. Wegen meiner Kopfschmerzen wurde zunächst ein Zwischenstopp bei einer Ärztin eingelegt, die ich ebenfalls von der Geburtstagsfeier kannte. Sweeties Schwester organisierte mir dort erst einmal eine Kopfschmerztablette. Eigentlich wollte ich überhaupt keine, aber dagegen anzudiskutieren war vollkommen aussichtslos. Also einfach machen lassen. Das ist hier manchmal wirklich die beste Lösung.
Anschließend wurde auch noch mein Blutdruck gemessen. Der war etwas erhöht, was mir allerdings bekannt ist. Natürlich wurde darüber erst einmal ausgiebig diskutiert und philosophiert.
Als wir endlich weiterfuhren, kam Sweeties Schwester auf die Idee, dass ich unbedingt noch etwas essen müsse. Ich erklärte ihr mehrfach, dass ich wirklich satt sei und überhaupt keinen Hunger hätte. Das interessierte sie allerdings herzlich wenig. Also wurde noch einmal angehalten und etwas zu essen gekauft.
Und damit sie zufrieden war, habe ich es natürlich auch brav gegessen.
Ich muss allerdings sagen, dass ihre Schwester wirklich unglaublich fürsorglich ist. Sie macht sich ständig Gedanken darüber, ob es allen gut geht und ob jeder zufrieden ist. Selbst heute Morgen hat sie schon wieder angerufen und gefragt, ob es mir gut gehe, ob ich mit allem zufrieden sei und ob ich glücklich wäre.
Das finde ich wirklich schön und weiß es auch sehr zu schätzen.
Ja, das war also Sweeties Geburtstag. Für mich war es ein richtig schöner Tag und vor allem eine wunderschöne Feier. Und ich merke immer mehr, wie sehr mir dieses Leben hier in Asien gefällt.
Der gestrige Abend hat mich wieder einmal stark daran erinnert, wie es früher bei uns im Dorf war. Damals wurden einfach spontan ein paar Klappbänke herausgeholt, der Grill auf die Straße gestellt und schon saß man mit den Nachbarn zusammen. Ein paar Bier, etwas zu essen, viel Gelächter und fertig war ein schöner Abend. Da brauchte niemand eine Einladung drei Wochen im Voraus und auch keine große Organisation.
Heute ist so etwas selbst bei mir auf dem Dorf in Deutschland kaum noch vorstellbar. Jeder lebt irgendwie für sich, vieles ist komplizierter geworden und diese Spontaneität, die ich aus meiner Kindheit und Jugend noch kenne, ist größtenteils verschwunden.
Hier dagegen habe ich oft das Gefühl, dass das Leben noch so funktioniert wie bei uns vor vielen Jahren, teilweise vielleicht sogar noch vor meiner Zeit. Natürlich ist hier längst nicht alles besser und es gibt genügend Dinge, die mich auch nerven. Aber dieses unkomplizierte Miteinander, die Offenheit und die Selbstverständlichkeit, mit der man andere Menschen in seine Gemeinschaft aufnimmt, gefallen mir einfach unglaublich gut.
Dazu gehört natürlich auch, dass hier vieles etwas anders läuft. Beispielsweise werden die leeren Bierdosen und Flaschen während einer Feier einfach unter den Tisch gestellt oder geworfen. Auch Essensreste und anderer Müll landen teilweise direkt auf dem Boden. Für manchen Deutschen wäre das wahrscheinlich der absolute Horror.
Aber im Grunde ist es hier ganz einfach. Wenn die Feier vorbei ist, wird alles zusammengekehrt, eingesammelt und aufgeräumt. Fertig. Niemand macht sich während der Feier großartig Gedanken darüber.
Ich will damit nicht sagen, dass man alles genauso machen muss oder dass hier alles perfekt ist. Aber ich mag diese entspannte Art, mit vielen Dingen umzugehen. Nicht ständig alles hinterfragen, nicht alles bis ins kleinste Detail planen und vor allem nicht aus jeder Kleinigkeit ein riesiges Problem machen.
Ich habe mich jedenfalls rundum wohlgefühlt und bin wirklich dankbar, dass ich solche Erfahrungen machen darf.
Dabei denke ich nicht nur an Asien. Ich durfte in meinem Leben auch andere Teile der Welt kennenlernen, unter anderem Afrika, und habe dabei viele Erfahrungen gesammelt, die mir persönlich mit Sicherheit einiges gebracht haben.
Deshalb kann ich eigentlich nur jeden ermutigen, zu reisen und dabei auch einmal die üblichen Touristenpfade zu verlassen. Knüpft Kontakte zu Einheimischen, lasst euch auf deren Alltag ein und schaut euch an, wie die Menschen in dem jeweiligen Land tatsächlich leben.
Man muss nicht immer von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzen oder den ganzen Urlaub in irgendwelchen Touristenhochburgen verbringen. Manchmal sind es gerade die völlig ungeplanten Begegnungen und die einfachen gemeinsamen Abende, die einem am längsten in Erinnerung bleiben.
Für mich war dieser Geburtstag jedenfalls wieder genau so ein Erlebnis. Und ich glaube, ich werde mich noch lange sehr gerne daran erinnern.
So, jetzt seid ihr wieder auf dem neuesten Stand und wir starten langsam in unseren nächsten Tag. Mal schauen, was uns heute wieder erwartet.
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