Teil 4
So fuhr ich mit der S-Bahn in den entsprechenden Stadtteil und trabte zum vorgesehenen Quartier, in der Hoffnung schon früher unterkommen zu können.
Nein – hieß es da, aber ich konnte wenigstens mein Gepäck unterstellen und erhielt einen Regenschirm, weil ein riesiges Unwetter aufzog. Dieses überstand ich dann in einer Pizzeria, in der es Pizzas zu einem Wahnsinnspreis gab, allerdings “all you can eat“, was gerade für Japan dann doch ein echtes Schnäppchen war.
Hier schlug ich mir dann auch an den folgenden 2 Tagen den Wanst voll.
Die Kalkulation bei einem Buffet beruht ja darauf, dass eben jeder nur eine bestimmte Menge essen kann. Wenn man da dann beim Wert des Verfressenen den Durchschnitt nimmt, ist jeder Betrag, den man dafür über dem Durchschnitt kassiert, Gewinn! Aber eben damals nicht bei mir!
Habe mich garantiert in allen 3 Tage weit in meine Gewinnzone hineingefressen und konnte darauf monatelang keine Pizza mehr sehen.
Bei leichtem Regen schlappte ich ziellos durch die Gegend, traf dann, zuerst noch erfreut, 2 nette Japanerinnen. Als ich aber erkannte, dass sie für Scientology warben, war ich sofort entsetzt und enttäuscht.
In mehreren Telefonzellen, die ich interessehalber meines Berufs in Augenschein nahm, klebten zig Stickers von Ladies, die sich mit Fotos und Telefonnummern offensichtlich zum Call-Sex anboten.
Ich war ja von Beruf “Richter“. Allerdings richtete ich an keinem Gericht, sondern bei der DBP und später bei der Telekom u. A. auch verkotzte und defekte Münztelefone. Daher das Interesse!
Um 17 Uhr wurde ich dann im Quartier eingelassen.
Es handelte sich hier um ein Ryokan, dem typischen traditionellen Japanischen Guesthouse. Derartiges war in meinem Reiseführer überhaupt nicht aufgeführt.
Auch Bekannte, die mir diese Japanreise schmackhaft gemacht hatten, wussten nichts davon. Überhaupt konnte ich mit keiner Info von ihnen etwas anfangen, außer dass alles in Japan abartig teuer sei.
Als Geschäftsreisende wurden sie bei der Ankunft am Airport von ihren Geschäftspartnern abgeholt, in einem Hotel untergebracht, zu den Geschäftsterminen gefahren und auch wieder zurück ins Hotel gebracht. Auch in der Freizeit wurden sie jede Minute betreut.
Man fuhr sie in den Rotlichtbezirk und vermittelte ihnen auf Wunsch sogar eine Pay6-Lady, die sie allerdings selber bezahlen mussten. Einer schnappte sich mal eine für sage und schreibe umgerechnet um die 1000 DM. Allerdings hatte die sicher keine so reizvolle krummen Beine und war nur 1/3 so alt, wie meine “Eroberung“.
Bei meiner Ankunft in diesem Ryokan wurde ich auch sofort auffällig, als ich den tropfenden Regenschirm in einer Ecke vom Eingang abstellen wollte. Innerhalb von Sekunden wurde das dann aber auch sofort aufgewischt, wobei mir vorwurfsvolle Blicke zugeworfen wurden.
Ich erhielt einen weißen Bademantel und wurde aufgefordert, mich zuerst einmal umzuziehen und während dem Aufenthalt im Haus, nur diesen zu tragen.
Auch der Gürtel des Bademantels durfte nur auf einer bestimmten Seite gebunden werden. Als ich ihn einmal auf der anderen Seite gebunden hatte, wurde ich sofort belehrt. Wie ich so in etwa verstand, durfte man ihn nur auf dieser Seite binden, wenn sich ein aufgebahrter Toter im Haus befand.
Auch standen Gummischlappen bereit und nur mit diesen durfte man im Haus herumlaufen, außer ….. natürlich nicht in der Toilette, wo man sie gegen davorstehende rote tauschen musste. Als ich einmal vergaß, diese nach einem Toilettengang wieder zurückzutauschen ist eine Lady, auch nur ein Gast, fast in Ohnmacht gefallen und hat das sofort der Chefin gemeldet. Diese hat mich dann streng aufgefordert, dies in Zukunft zu unterlassen.
Eigentlich war ich, wenn ich mich außerhalb des Zimmers bewegte, ständig nur in Sorge, gegen irgendeine Regel zu verstoßen.
In der Toilette fiel mir auf, dass beim Drücken der Wasserspülung das nachlaufende Wasser zuerst einmal aus dem Wasserhahn in ein Waschbecken lief und aus dessen Abfluss in den darunter liegenden Spülkasten. Man konnte sich mit dem zufließenden Wasser die Hände waschen. Das fand ich pfiffig. Aber eigentlich auch nur dies
Das Zimmer hatte nur die Größe der dünnen Doppelmatratze, die tagsüber aufgerollt zum Sitzen diente. Ein winziges Tischchen und das Gepäck standen nachts auf der Matratze, weil es sonst keinen Platz dafür gab.
Ein kleiner TV war an der Wand befestigt, Wollte man TV schauen, musste man eine Münze im Gegenwert von etwa einer DM in den Schlitz eines vorgeschalteten Kästchen werfen und konnte dann wieder 15 Minuten das Programm genießen, von dem 80% Werbung war.
Wollte man das traditionelle Japanische Wannenbad benützen, so musste man sich in eine Liste eintragen, zu welcher gewünschten Uhrzeit.
Gab es tatsächlich einen freien Termin, so wurde man mit Zeichnungen auf das Detaillierteste belehrt, wie man sich vorher zu waschen habe. Dabei wurde nicht einmal die Reinigung der “Mütze“ von etwaigem Nillenkäse ausgespart.
Die Wanne war aus Edelstahl und wurde elektrisch beheizt. Das Wasser wurde nur einmal pro Tag gewechselt. Ich habe dies deshalb auch nur einmal in Anspruch genommen.
In Tokio versuchte ich dann in den nächsten 2 Tagen alles für mich Interessante zu erkunden.
Es gab einen nachgebauten Eifelturm der scheinbar das Original um einige Meter überragte.
An dieser berühmten Kreuzung, die immer wieder bei Berichten über Tokio gezeigt wird, stand ich lange und beobachtete die Massen, wenn sie darüber strömten.
In einer Fußgängerzone saß ich einmal längere Zeit auf einer Bank und fotografierte nur hässliche Weiber. Ich habe noch in keinem Land so dermaßen viele gesehen. Es gab auch hübsche und sogar Schönheiten, diese waren aber weit in der Minderheit.
Als ich dabei von Studenten angesprochen wurde, was ich von Japan halte, habe ich das natürlich nicht gesagt.
Es waren welche, die tatsächlich gut Englisch sprachen und sich bei Unterhaltungen mit Ausländern Praxis verschaffen sollten. Als ich darauf anspielte, dass hier so wenige Leute Englisch sprechen, meinte einer, dass die meisten hier tatsächlich gute Englischkenntnisse hätten, aber diese nur anwenden würden, wenn sie es besser als der andere könnten.
Ja – ich habe Japaner erlebt, die als sie merkten, dass ich sie etwas fragen wollte, buchstäblich vor mir geflohen sind.
In einem Kaufhaus saß in einer Etage eine wunderschöne Pianistin an einem weißen Flügel und klimperte dort den ganzen Tag vor sich hin.
Es gab Abteilungen, wo Wertvolles aus aller Welt angeboten wurde, darunter sogar Meißner Porzellan.
In einem berühmten Tempel lief plötzlich eine Truppe in Drillichanzügen im Gleichschritt ein. Nach einem militärischen Befehl, ähnlich “Helm ab zum Gebet“, fingen alle zu beten an. Als ich einen Japaner, mit dem ich zuvor schon ein paar Worte gewechselt hatte, fragte was das bedeutet, hat sich dieser, gequält lächelnd, wie ein Aal gewunden. Mir klipp und klar zu sagen, dass dies Häftlinge sind, war ihm scheinbar zu peinlich.
Am 2.Tag fuhr ich auch zum Bahnhof und wollte das Ticket für die Weiterfahrt nach Kyoto kaufen. Mein “schlauer alter“ Reiseführer riet mir, nicht mit dem Shinkansen zu fahren, obwohl dieser nur 2½ Stunden braucht. Stattdessen mit dem normalen Zug, der erstens viel billiger sei und auch viel interessanter.
Am Ticketschalter klärte man mich dann auf, dass es gar keinen direkten Zug mehr gäbe und ich mehrmals umsteigen müsse. Ich müsste mir die Tickets für die Weiterfahrt bei jedem Umsteigen am Automaten kaufen. Man riet mir, lieber doch mit dem Shinkansen zu fahren, aber ich wollte nicht hören!
Abends leistete ich mir immer noch eine 0,5 l Dose Bier. Und einen Apfel von der Sorte “Granny Smith“. Ein Apfel dieser Sorte kostete über 5 DM.
Faszinierend war, dass die Speisen, die im Lokal auf der Speisekarte standen, außen im Schaufenster aus Kunststoff täuschend echt nachgemacht waren. Ob die angebotenen Speisen auch so lecker geschmeckt haben, wie sie im Angebot ausgesehen haben, kann ich nicht beurteilen. Außer in dieser Pizzeria in Tokio, habe ich nie in einem Restaurant gegessen.
Nun könnte man fragen, ob ich mir diese Reise als kleiner, beamteter Telekomiker überhaupt leisten konnte.
Eigentlich nicht!
Aber ich habe sie durchgezogen, ohne dass ich danach pleite war. Eben einfach unter Verzicht jeglicher Annehmlichkeiten. Es ging mir in diesen paar Tagen nicht um leckeres Essen, einem guten Quartier, unkompliziertem finanzierbarem Pay6, sondern um die Herausforderung, sie tatsächlich bewältigen zu können. Es war ja auch nur ein bisschen Hineinschnuppern in dieses so dermaßen exotische Land. Aber mir hat es viel gebracht.
Fortsetzung folgt!